Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Wahrnehmung des Raumes. Eine experimentell-psychologische Untersuchung nebst Anwendung auf Ästhetik und Erkenntnistheorie
Person:
Jaensch, E.R.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39699/260/
246 
• • __ 
Erster Abschnitt. Tiber das Wesen der Tiefenwahrnehmung. 
ëin biologischer Entwicklungsvorgang. Wenn also Muthee das 
Aufkommen der impressionistischen Sehweise ganz in Parallele 
setzt mit einem Entwicklungsvorgang, der doch als ein biologischer 
anzusprechen ist, so scheint das darauf hinzudeuten, dafs er 
auch das Auftreten jener „neuen Art des Sehens“ als ein Ergebnis 
des biologischen Entwicklungsfortschritts ansieht. 
Allein die Anwendung biologischer Betrachtungsweisen auf 
die Kunstgeschichte wird immer ein wenig bedenklich erscheinen. 
Die wenigen Jahrtausende, die den Gegenstand der Welt- und 
Kunstgeschichte ausmachen, sind für die Entwicklungsgeschichte 
gewissermafsen nur ein Augenblick, während dessen sich nichts 
oder so gut wie nichts deutlich Merkbares zuträgt; die Ent¬ 
wicklungsgeschichte rechnet mit ganz anderen Zeiträumen wie 
die Kunstgeschichte. Es ist fast undenkbar, dafs wir uns seit 
40 Jahren auf einer biologischen Entwicklungsstufe befinden 
sollen, die vor 50 Jahren noch nicht erreicht war. Der An¬ 
wendung biologischer Betrachtungsweisen auf so kurze Zeiträume 
dient es auch nicht gerade als besondere Empfehlung, wenn man 
auf die Theorie von Magnus hin weist; denn die Ansicht, nach 
der sich der Farbensinn erst in historischer Zeit entwickelt hat, 
ist, wie wir heute wissen, unzutreffend. 
Aufserdem ist Folgendes zu bedenken. Ist der Impressionismus 
ein Symptom dafür, dafs der Sehprozefs eine neue biologische 
Entwicklungsstufe erreicht hat, so steht zu erwarten, dafs die 
neue Eigentümlichkeit des Sehens unter den Menschen allgemein 
oder wenigstens weithin verbreitet sein werde. Dem widerspricht 
die Tatsache, dafs der Impressionismus bei seinem Aufkommen 
gerade das Gegenteil von allgemeiner Anerkennung erntete. Als 
Eduaed Manet die ersten impressionistisch empfundenen Bilder 
ausstellte, da erhob sich ein Sturm der Entrüstung, und die 
Werke mufsten durch besondere Vorkehrungen vor Attentaten 
mit Stöcken und Schirmen geschützt werden. „Seine Bilder 
^wurden für einen Scherz gehalten, den der Maler sich mit dem 
„Publikum erlaubte, für die unerhörteste Farce, die je gemalt 
„worden“ (Muthee). 
Aber auch wenn wir nicht zugeben können, dafs der biologische 
Entwicklungsfortschritt in so kurzer Zeit eine neue Art des 
Sehens herbeigeführt habe, so ist damit noch keineswegs gesagt, 
dafs die Rede von jener „anderen Art des Sehens“ lediglich eine 
rednerische Floskel und eine Umschreibung für den Begriff „ab-
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.