Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Wahrnehmung des Raumes. Eine experimentell-psychologische Untersuchung nebst Anwendung auf Ästhetik und Erkenntnistheorie
Person:
Jaensch, E.R.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39699/258/
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Erster Abschnitt Uber das Wesen der Tiefenwahrnehmung. 
ort verschiedenen Sinnesgebieten angehören. Der Arzt glaubt — eine Er¬ 
scheinung, auf die besonders Goldscheeder die Aufmerksamkeit gelenkt hat — 
den Druck, dem die Sonde bei der Untersuchung des abzutastenden Körper¬ 
teils begegnet, am Ende der Sonde, also an der Berührungsstelle selbst zu 
empfinden. Ebenso rückt die Druck- und Tastempfindung des geübten 
Bildhauers in die Spitze des Meifsels, die des geübten Malers in die Spitze 
des Pinsels. Erforderlich ist hierbei, dafs die Aufmerksamkeit der be¬ 
treffenden Stelle, also dem Ende der Sonde, des Meifsels oder Pinsels, zu¬ 
gewandt wird. In diesen Fällen wird also eine Druck- oder Berührungs ¬ 
empfindung an eine mit Aufmerksamkeit erfafste Stelle des Gesichts¬ 
raumes verlegt.1 
Sechstes Kapitel. 
Zur Phänomenologie des leeren Baumes und über das sog. 
Berkeleysche Argument in der Lehre Ton der Tiefenwahr¬ 
nehmung. (Zugleich eine Untersuchung über die psychologischen 
Grundlagen der impressionistischen Malerei.) 
I. Das Problem der impressionistischen Malerei. 
Der Name „Impressionismus“ und „Impressionisten“ tauchte 
zum ersten Male Anfang der 70 er Jahre des vorigen Jahrhunderts 
auf. In einem Pariser Salon hatte eine Ausstellung von Bildern 
stattgefunden, welche in etwas ungewöhnlicher Weise benannt 
waren. Der Katalog sprach allenthalben von „impression“ : „im¬ 
pression de mon pot au feu, impression d’un chat qui se promène.“ 
Die Kritiker redeten von einem „salon des impressionistes“. Seit¬ 
dem ist das Wort nicht wieder von der Tagesordnung ver¬ 
schwunden. Man kann kaum einen Bericht über eine moderne 
Kunstausstellung lesen, ohne dem Worte „Impressionismus“ zu 
begegnen. Schon in dieser Äufserlichkeit verrät sich, dafs die 
Maler, welche jene Bilder mit den merkwürdigen Titeln aus¬ 
stellten, offenbar Schule gemacht haben, und dafs der Impres¬ 
sionismus im Kunstleben der Gegenwart eine führende Rolle spielt. 
In der Tat kann man bei den Kunstschriftstellern, z. B. bei 
Richard Muther,2 nicht selten lesen, die Impressionisten hätten 
1 Ganz dahingestellt bleiben mufs an dieser Stelle, ob etwa die Er¬ 
scheinungen der „Einfühlung“, denen Lipps mit Becht in verschiedenen 
Gebieten der Psychologie eine grofse Bedeutung beimifst, gleichfalls mit 
dem Gesetz der Aufmerksamkeitslokalisation Zusammenhängen. 
2 Geschichte der Malerei im XIX. Jahrhundert, II. Bd. München 1893. 
S. 627.
        

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