Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Wahrnehmung des Raumes. Eine experimentell-psychologische Untersuchung nebst Anwendung auf Ästhetik und Erkenntnistheorie
Person:
Jaensch, E.R.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39699/255/
Fünftes Kapitel. Die Aufmerksamkeitslokalisation. 
241 
bei der die peripheren Netzhauteindrücke deutlich werden/ erst 
• ■ 
durch Übung erlernen mufs). 
In künftig zur Beobachtung gelangenden Fällen dieser Art 
dürfte vielleicht auch der Frage der Sehschärfe gröfsere Beachtung 
zu schenken sein, als es bisher meist der Fall war; überhaupt 
wäre es von hohem Interesse, wenn in künftigen Mitteilungen 
über den Gegenstand auch den psychologischen Fragestellungen 
und Gesichtspunkten in ausgiebiger Weise Rechnung getragen 
würde, und wenn insbesondere nicht allein die einfache Beob¬ 
achtung, sondern auch das psychologische Experiment zur An¬ 
wendung gelangte. — 
Von fast allen Autoren, die sich mit dem Gegenstand be¬ 
schäftigt haben, wird angegeben, dafs sich die Operierten ähnlich 
verhalten wie Patienten mit hochgradig eingeengtem Gesichtsfeld, 
da sie die peripheren Netzhauteindrücke im allgemeinen über¬ 
haupt nicht perzipieren, sondern nur dann, wenn die Aufmerk¬ 
samkeit ausdrücklich darauf hingelenkt wird. Wenn nun die 
Patienten auch das Ferne nicht zu beachten scheinen, wohl aber 
das Nahe, so würde eine Analogie bestehen zwischen ihrem Ver¬ 
halten gegenüber fernen Objekten einerseits und demjenigen gegen¬ 
über seitlichen anderseits. Wir werden bei der Behandlung der 
Frage nach der Homogenität der drei Dimensionen des Sehraums 
hierauf zurückkommen. 
Ist die eigentümliche Lokalisationsweise seitens der operierten 
Blindgeborenen den Erscheinungen von Aufmerksamkeitslokali¬ 
sation zuzurechnen, so wird auch die z. B. im HoMEschen Fall 
zutage tretende Erscheinung verständlich, dafs die Sehdinge bei 
• • 
fortschreitender Übung im Sehen in gröfserer Entfernung als 
anfangs, aber immer noch in abnorm kleiner Entfernung er¬ 
scheinen. Bei fortschreitender Übung im Sehen und bei zu¬ 
nehmender Orientierung im Raum wird eben die Aufmerksamkeit 
nicht mehr ausschliefslich den dem Körper unmittelbar benach¬ 
barten, sondern allmählich auch den durch Lokomotion des 
Körpers erreichbaren, also etwas ferneren Gegenständen zugewandt. 
Richtet der Patient seine Aufmerksamkeit auf die fernsten Gegen¬ 
stände, die er ausdrücklich zu beachten gelernt hat, so kann er 
seine Aufmerksamkeit nicht gleichzeitig demjenigen zu wenden, 
was näher ist als jene Gegenstände. So verhält es sich ja beim 
Normalen. Es besteht kein Grund zu der Annahme, dafs sich 
der Patient innerhalb des Bereiches, innerhalb dessen er bereits 
Zeitschrift für Psychologie. Erg.-Bd. VI. 16
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.