Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Wahrnehmung des Raumes. Eine experimentell-psychologische Untersuchung nebst Anwendung auf Ästhetik und Erkenntnistheorie
Person:
Jaensch, E.R.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39699/148/
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Erster Abschnitt. Über das Wesen der Tiefenwahrnehmung. 
auf die Einstellung der sinnlichen Aufmerksamkeit zurückzu¬ 
führen. Noch direkter vergleichbar mit den hier in Rede 
stehenden Phänomenen sind die von Dearborn1 beobachteten 
Einstellungserscheinungen bei Augenbewegungen. Wird zuerst 
eine längere, dann eine darunter befindliche kürzere Zeile gelesen, 
so findet im letzteren Falle noch eine unnötige Fixationsbewegung 
statt. Dafs diese Einstellung der sinnlichen Aufmerksamkeit sich 
nicht nur unmittelbar nach dem Verschwinden des einstellenden 
Anlasses geltend macht, vielmehr den letzteren oft lange über¬ 
dauert, geht auch aus Beobachtungen hervor, welche — gleich¬ 
falls von Schumann — bei Gelegenheit tachistoskopischer Ver¬ 
suche angestellt worden sind. Wurden mehrere Tage hindurch 
10 Buchstaben und am nächsten Tage nur 4 Buchstaben tachisto* 
skopisch exponiert, so wurde im letzteren Falle wiederum zu¬ 
nächst ein zu grofses Stück herausgeschnitten. 
Es ist hiernach verständlich, dafs man die Objekte, wenn 
man sie öfter infolge durchweg gesteigerter Quer disparation unter 
ausgiebigerer Wanderung der Aufmerksamkeit betrachtet hat, 
später auch dann mit ausgiebiger schweifendem Blick und ent¬ 
sprechendem Verhalten der Aufmerksamkeit perzipieren wird, 
wenn eine über die Norm gesteigerte Quer disparation nicht ge¬ 
geben ist. Unsere Versuche an Glühfäden lehren ja, dafs der 
Grad der Ausgiebigkeit des Wanderns durch den Grad der 
Querdisparation nicht eindeutig bestimmt ist, und sie tun ferner 
dar, dafs die qualitative Deutlichkeit und der quantitative Betrag 
des Tiefeneindrucks nach Mafsgabe der Ausgiebigkeit des Wanderns 
zunimmt. 
Die Einstellung, die die Wanderung der Aufmerksamkeit und 
des Blickes durch die Benutzung des Telestereoskops erfährt, 
wird also zur Folge haben, dafs späterhin ein bestimmter Grad 
von Querdisparation zu ausgiebigerer und frequenterer Wanderung 
Anlafs gibt als es früher der Fall war, und dafs darum die 
Tiefenwahrnehmung, sowohl nach Quantität wie nach Qualität, 
überhaupt deutlicher wird. 
Ganz Entsprechendes hat sich mir stets bei den oben ge¬ 
schilderten Beobachtungen ferner Gegenstände aufgedrängt. Hatte 
ich das ursprünglich flach erscheinende Objekt durch absichtliche 
1 Ich entnehme auch diesen Hinweis der genannten Vorlesung von 
G. E. Müller.
        

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