Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Wahrnehmung des Raumes. Eine experimentell-psychologische Untersuchung nebst Anwendung auf Ästhetik und Erkenntnistheorie
Person:
Jaensch, E.R.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39699/147/
Erstes Kapitel. Experim. Ermittlung d. Funktion d. Quer disparation. 133 
götzt, zu beobachten, wie der die Wolkenschichten für den Augen¬ 
schein zuerst unmittelbar berührende Ballon aus diesen Wolken¬ 
schichten plastisch heraustrat, wie mit einem Male leerer Raum 
zwischen der Wolke und dem Ballon interpoliert schien, wenn 
der Blick zwischen der Wolke und dem Ballon hin- und her¬ 
ging, anstatt beide Objekte simultan zu erfassen.1 Wir haben 
also hier tatsächlich den von uns gesuchten Fall vor uns, dafs 
Motive zur Tiefenwahrnehmung — welchen Ursprungs immer 
sie sein mögen — zwar gegeben sind, aber bei gewöhnlicher, 
ungezwungener Verhaltungsweise unberücksichtigt und unaus- 
genützt bleiben. Dafs diese Motive gegeben sind, folgt daraus, 
dafs sie bei geeigneter Verhaltungsweise ihre Wirksamkeit ent¬ 
falten. 
Beruht die Tiefenwahrnehmung durch Querdisparation letzten 
Endes auf einer bestimmten Verhaltungsweise der Aufmerksam¬ 
keit, so ist auch die Tatsache verständlich, dafs die Ubjekte nach 
oftmaliger Benutzung des Telestereoskops schliefslich auch bei un- 
bewaffnetem Auge deutlicher plastisch gesehen werden, als es 
vor jenen Übungen der Fall war. Die sinnliche Aufmerksamkeit 
unterliegt ja der Erscheinung der Einstellung, d. h. sie zeigt 
eine Tendenz, eine Verhaltungs weise, die sie auf gewissen Anlafs 
hin öfters eingeschlagen hat, später auch beim Nichtgegebensein 
dieses Anlasses beizubehalten. Diese Einstellung der sinnlichen 
Aufmerksamkeit zeigt sich deutlich bei Versuchen von Schumann2, 
wo beim Übergang von der Betrachtung einer gröfseren zu der¬ 
jenigen einer kleineren Strecke im letzteren Falle aus dem Papier 
zunächst ein Stück mit der Aufmerksamkeit herausgeschnitten 
wird, welches der Gröfse der zuerst betrachteten Strecke ent¬ 
spricht, worauf sich dann die Aufmerksamkeit auf den Umfang 
der kleineren Strecke zusammenzieht. G. E. Müllek pflegt in 
seiner Vorlesung über die Gedächtnistätigkeit auch den Umstand, 
dafs wir für gewöhnlich mit konstantem Komplexumfang lernen, 
1 Herr Prof. Baeumker teilt mir im Gespräch mit, dafs er das Meer 
wie eine senkrecht auf steigende Wand sah, als er es — in nicht mehr ganz 
jungen Jahren — zum ersten Male erblickte. Erst ganz allmählich streckte 
sich die Meeresfläche in die Tiefe, und zwar schien das Hin- und Her- 
wTandern des Blickes und der Aufmerksamkeit zwischen den in ver¬ 
schiedener Entfernung befindlichen Segeln und Wellenkämmen für die 
Erzeugung des Tiefeneindrucks von wesentlicher Bedeutung zu sein. 
* Zeitschr. f. Psych. 30.
        

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