Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Associationsprincip und der Anthropomorphismus in der Aesthetik. Ein Beitrag zur Aesthetik des Naturschönen
Person:
Biese, Alfred
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39697/8/
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geförderten Eindringen in das Kunstwerk, so vieles Andere mit dem eigentlichen (direkten) 
Eindrücke, dass ein Wohlgefühl, ja ein seliges Schaudern geweckt wird, welches uns mit 
ungeahnter Wonne überrieselt. Gesellen sich aber solche Vorstellungen und Anschauungen zu 
einander, sich gegenseitig steigernd und hebend, so dass wir sie schliesslich nicht mehr* entwirren 
und lösen können, ja ihrer oft nur mit mühsamer Reflexion und Abstraktion bewusst werden, —- 
so sprechen wir eben von Association (d. i. Verknüpfung); und diese für die empirische 
Aesthetik in ihrer vollen Bedeutung erkannt und verwertet zu haben, ist das Verdienst Rechners. 
Geben wir in Kürze seinen Gedankengang möglichst mit seinen eigenen Worten wieder 1 
Zum wohlgefälligen Eindrücke eines Kunstwerks sowie einer Naturerscheinung, die wir 
schön nennen, tragen verschiedene Momente bei, von denen sich die meisten durch Analyse 
finden lassen. Nicht leicht bringt es eins derselben für sich zu einer bedeutenden ästhetischen 
Wirkung; sie unterstützen sich gegenseitig; um aber Gefallen zu erregen, müssen sie der 
receptiven Betrachtung eine einheitlich verknüpfte Mannigfaltigkeit darbieten; denn nach ein¬ 
geborener Einrichtung bedarf der Mensch, um bei aktiver oder receptiver Beschäftigung mit 
einem Gegenstände sich wohl zu fühlen, eines gewissen Wechsels der Thätigkeitsmomente oder 
Eindrücke, wozu der Gegenstand die Gelegenheit in einer Mannigfaltigkeit von Angriffspunkten 
bieten muss. Fehlt es daran, so tritt der missfällige Eindruck der Monotonie, Langweiligkeit, 
Leere, Kahlheit, Armut ein; und hängen die einzelnen Momente nicht durch Punkte der 
Gemeinsamkeit zusammen, so ergiebt sich Zerstreuung, Zersplitterung, Zusammenhangslosigkeit. Es 
beruht also das Lustgefühl auf der einheitlichen Association mannigfaltiger Vorstellungen. Wenn 
wjr z p> — um vom Einfachsten auszugehen — uns darüber klar werden wollen, worin der 
Reiz einer der schönsten Früchte, der Orange, beruht, so ist es zunächst gewiss ihre reine 
schöne Goldfarbe und reine Rundung; oder würde uns etwa eine gelb überfimisste Holzkugel 
ebenso gefallen? Nein, ihre Bedeutung liegt in der Gesamtheit dessen, was sie ist und wirkt 
in Beziehung auf uns selbst. Zu der sinnlichen Form und Farbe kommt gleichsam die geistige 
Farbe, der associierte Eindruck hinzu, welcher sich mit dem eigentlichen oder direkten verbindet. 
In der That, fragt Fechner, sieht denn der, der eine Orange sieht, bloss einen runden gelben 
Fleck in ihr? Mit dem sinnlichen Auge, ja, geistig aber sieht er ein Ding von reizendem 
Geruch, erquickendem Geschmack, an einem schönen Baume, in einem schönen Lande, unter 
einem warmen Himmel gewachsen, in ihr; er sieht so zu sagen ganz Italien mit in ihr, das 
Land, wohin uns von jeher eine romantische Sehnsucht zog. Aus der Erinnerung an all das 
setzt sich die geistige Farbe zusammen, womit die sinnliche verschönernd lasirt ist, indes der, 
welcher eine gelbe Holzkugel sieht, eben bloss trockenes Holz hinter dem runden gelben Flecke 
sieht, das in der Drechslerwerkstatt gedreht und vom Lackierer angestrichen ist. Beidenfalls 
associiert sich der aus der Erinnerung resultierende Eindruck so unmittelbar an die Anschauung, 
verschmilzt so vollständig damit, bestimmt so wesentlich den Charakter derselben mit, als wenn 
er ein Bestandteil der Anschauung selbst wäre. Das Froschgeschrei ist an sich nicht anmutig, 
aber es gefällt uns teils als Ausdruck des Wohlgefallens, teils als Attribut des Frühlings ; der 
Nachttgallengesang und der Ton der Alpenglocken gehören mit zu den Koncertstimmen der 
freien Natur, die zwar nicht so wie das Froschgeschrei bloss, doch mit durch Association 
uns weit über ihre eigentliche oder direkte Leistung ansprechen. Jedes Ding, mit dem
        

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