Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Associationsprincip und der Anthropomorphismus in der Aesthetik. Ein Beitrag zur Aesthetik des Naturschönen
Person:
Biese, Alfred
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39697/7/
ciationsprincips, nur auf Grund genauer Analyse der Einzelthatsachen, nur auf Grund der Empirie 
und Induktion 6). 
Doch was ist nun unter Association zu verstehen? 
' 
Es war besonders Herbart, der die Wichtigkeit der „Apperception“, d. i. der Ver¬ 
knüpfung der Vorstellungen, für die Psychologie und besonders für die Pädagogik geltend 
machte, welcher betonte, wie alles Wachsen des menschlichen Geistes daranf beruht, dass sich 
Vorstellungen resp. Vorstellungsreihen derartig miteinander verknüpfen, dass die eine das 
f Bindeglied der anderen wird. Nur das begreifen wir wirklich, was an etwas bereits Erkanntes 
l sich organisch anschliesst; das Fremde stossen wir ab, oder es ist uns gleichgültig. Das Neue, 
Unbekannte hat nur Wert, wenn von dem Alten, dem Bekannten eine Brücke zu demselben 
hin sich schlagen lässt. Unser Seelenleben, je mehr es mit den Jahren, mit der reiferen Er- 
fahrung und mit dem tieferen Wissen wächst, ist ein komplicierter Organismus, in dem sich 
I die buntesten Reihen von Vorstellungsbildern aneinanderschliessen, immer aber doch sich gegen- 
I seifig bedingend und verwebend und verschmelzend. Es muss daher Grundsatz einer rationellen 
Erziehung sein, analog der stufenweise sich steigernden Fähigkeit, neue Eindrücke aufnehmen 
• (d. h. percipieren) und verarbeiten, mit den vorhandenen verschmelzen (d. h. appercipieren oder 
associieren) zu können, derartig den Bildungsstoff zu übermitteln, dass sich ein Glied an das 
andere anreiht, ohne Sprung und Lücke, und so ein Gebäude aufzuführen, das auf festem 
Grunde sich erhebt und nun stockweise hinaufstrebt, immer weitere Aussicht- gewinnend.7) 
V Ebenso wird auch auf dem Gebiete des Schönen selbstverständlich nur das gefallen, was 
Unserer Gemütslage, unserer Geschmacksrichtung entspricht, was ein vorhandenes Etwas in 
unserem Innern anregt und steigert. Nur das reizt zum Schauen, zum Nachdenken, zum Nach¬ 
empfinden, was eine verwandte Saite unserer Seele in Schwingung versetzt. So kann uns ein 
l Musikstück zunächst beim ersten Hören fast gleichgültig sein — wir hören nur eine wohl- 
§ gefügte Kette von Wohllauten; — hören wir es aber dann öfters, bei verschiedenen Anlässen 
und Stimmungslagen, so verwebt sich, auch abgesehen von dem durch das wiederholte Hören 
6) Vergl. „Vorschule der Aesthetik“ l eap. IX „AesthetischesAssociationsprincip“ S. 86—123, sowie caP- X-XIII. 
?) Die Freude des Lernens beruht gerade auf dem Bewusstsein des inneren Wachstums, auf der Erkenntnis, 
dass alles, was folgerichtig sich aneinander schliesst, auf der Leiter des Wissens stufenweise immer höher hinaufführt ; 
iiiid die Freude, ja die Kunst des Unterrichtens beruht nicht minder auf der Fähigkeit, von dem eigenen reiferen Wissen 
zu abstrahieren, sich auf den Standpunkt der unreifen Jugend zu versetzen und nur unter Annahme der notwendigsten 
Voraussetzungen der betreffenden Altersstufe und unter behutsamer Auffrischung des früher Uebermittelten das Neue 
anschiessen zu lassen, wie in einem Krystallisationsprozess, sowie durch stete Repetition den zurückgelegten Weg immer 
wieder zu beleuchten, um zugleich Schlaglichter a.uf den noch zurückzulegenden fallen zu lassen. Nur die Stunden sind 
für Lehrende wie auch Lernende erspriesslich, in denen beide das Gefühl, ja das bestimmte Bewusstsein haben, ein 
gutes Stück weiter zu kommen — dazu gehört freilich Freiheit und Freudigkeit des Geistes auf beiden Seiten, vor allem 
Unbehindertheit durch fremde Einflüsse; und darum ist jeder Anfangsunterricht so erfreulich, weil voraussetzungslos 
auf jungfräulichem Boden der Bau begonnen und Stein für Stein zusammengefügt wird und weil — wie im Werden des 
Menschen überhaupt — niemals das geistige Wachsen ein so reiches ist, wie in der ersten Epoche einer Entwickelungs- 
; stufe. Der Anfangsunterricht z. B. im Griechischen gehört jetzt gerade deshalb zu den schönsten im ganzen Lehrplan, 
pi weil er — so schwierig ist, weil das organische, stufenweise Associieren der Formen und syntaktischen Verbindungen, 
d. h. eine sorgsam und stetig weiterführende Methode, hier bei der Kürze der Zeit und der Wichtigkeit des Zieles (in 
einem Jahre zum Xenophon vorzubereiten) so besonders notwendig ist, vergl. m. Aufs zum griech. Elementarunterricht, 
, N. Jahrb. f, philol. u. pad. II. abt. 1889 heft 8 u. 9, S. 410 ff.
        

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