Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Associationsprincip und der Anthropomorphismus in der Aesthetik. Ein Beitrag zur Aesthetik des Naturschönen
Person:
Biese, Alfred
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39697/27/
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Gewalt des Natureindruckes, den der Sternenhimmel ausübt, dass die Seele, hinweggezogen von 
der irdischen Schwere und Misere, sich zu den Höhen des reinen Lichtes erhoben wähnt, dass 
sie reinere Sphären ahnt und erhofft in der Ferne dadroben, kurz dass sie unmittelbar von 
Schauern der Andacht ergriffen oder von höheren weltentrückenden Ideen erfüllt wird. 
Aber die naive Bewunderung steigert sich durch die wissenschaftliche Erkenntnis. Wie 
in Zeitepochen, welche eine Blüte der Naturwissenschaften heraufführen, auch stets mit dem 
eindringenden Verständnisse der Naturkräfte und Naturgesetze sich ein lebhafteres Naturgefühl 
entwickelt, das sich in dichterischen Werken und Beschreibungen bekundet,35) so wird auch der 
Einzelne bei wachsender Erkenntnis der astronomischen Verhältnisse in immer tieferes Staunen 
versenkt, weil er sich immer neuen und immer grösseren Rätseln gegenüber sieht. Welche 
imposante Stufenleiter durchläuft der Gedanke, der von unserer im Verhältnis zur Einzelexistenz 
schon so weiten und grossen, im Weltsystem so kleinen und unbedeutenden Erde zu den 
grösseren Planeten mit ihren zahlreichen Monden aufsteigt und endlich zur Sonne sich hinaufhebt I 
Welche riesigen Grössenverhältnisse zeigt diese, wie unfassbar, wie unberechenbar für den sonst 
so klugen Menschengeist! Ein Sonnenfleck würde die Erde verschlucken wie der tiefe Brunnen 
den Kiesel ; die Protuberanzen in ihren herrlichen Farbeneffekten sind gewaltige Eruptionen von 
Tausenden und Abertausenden von Meilen Höhe. Welche Schlüsse auf flüssige Metalle und 
i siedende Gase in der Sonne eröffnet die Spektralanalyse, von welchen immensen Kräften ge¬ 
winnen wir eine Vorstellung, nein, kaum Ahnung, wenn wir von der Lichtkraft dieses Sonnen¬ 
körpers auf ihre Ursachen schliessen wollen! Und doch! Dringt man nun weiter ein in die 
Betrachtung der Himmelskörper, so thun sich neue Sonnensysteme auf, ja Millionen von 
Sonnensystemen, denen das unserige nicht im Entferntesten gleicht und vor denen es wie ein 
Punkt, wie eine Welle im Weltenocean verschwindet. Und in dieser Fülle von Welten und 
Systemen — welche Ordnung, welche gesetzmässige Folge in allem Wechsel! Dem gegenüber, 
einer so erdrückenden Grossartigkeit aller Raum- und Zahlverhältnisse gegenüber, wofür alles 
Erkennen nur ein schwaches, nichtiges Gleichnis ist, kann den Menschen, der dem Blatte an 
einem Baume. gleichend grünt und welkt, um von der Vergänglichkeit weggefegt zu werden, 
riur das Gefühl der Ohnmacht und Nichtigkeit, das resignierende Bewusstsein, den Kern der 
Dinge nicht fassen zu können, gemischt mit andachtsvollem Staunen, erfüllen und — beugen, 
Ig wenn ihn nicht wieder der Gedanke aufrichtet, mit seinem Geiste, mit seiner über die Materie 
triumphierenden Vernunft manche jener ewigen Gedanken im Wandel der Sterne durch Rechnung 
i Nachdenken zu können. — 
Doch fragen wir nun noch in aller Kürze zu tieferer Begründung und zu lebendi¬ 
gerer Illustration des Erörterten, wie die Schönheit des Sternenhimmels in alter und neuer 
Litteratur ihre dichterische Deutung findet. 
35) So im Hellenismus (vergl. meine „Entw. des Naturgef.’s bei den Griechen“, Kapitel HL, S. 64 ff.,) so in 
der römischen Kaiserzeit (vgl. Entw. d. N.’s bei den Römern, Kap. IV, S. 126 ff.) so in der Renaissance (vergl. meine 
Entw, des Naturgef.’s im Mittelalter und in der Neuzeit“, Kap. IV, S. 125), so auch in moderner Zeit- (z. B. vergl, 
; Rousseau, ebenda S. 330 ff., Goethe, Humboldt u, s, w.)
        

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