Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Associationsprincip und der Anthropomorphismus in der Aesthetik. Ein Beitrag zur Aesthetik des Naturschönen
Person:
Biese, Alfred
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39697/26/
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Vor allen Dingen beruht nun aber auf Lichtfreude und auf Kontrast die Wirkung, 
welche der gestirnte Nachthimmel auf uns ausübt. „Das Auge empfängt hier den Eindruck 
von Lichtpunkten, deren jeder in seinem Kampfe mit der Finsternis eine im Verhältnis seiner 
Kleinheit unermessliche Lichtkraft zeigt. Diese klaren Lichter besiegen zwar die Finsternis im 
Himmelsraume, aber die Erde liegt finster und tot vor uns und mit dem Schrecken der Finsternis 
erfüllt, während das Auge, indem es sich gegen den Himmel hebt, Licht empfängt; dieses 
Gefühl bekommt selten eine grosse Kraft, ausser in der freien Natur, fern von Menschen und 
Menschenwerken“84). Stellen wir uns zunächst auf einen möglichst allgemeinen Standpunkt, ohne 
die Landschaft, von der aus wir den Sternenhimmel betrachten, zu individualisieren, auch ohne 
Ideen aus Poesie und Wissenschaft herzuzubringen ! Auch der schlichteste Mensch, welcher auf 
dem Boden blosser Sinnlichkeit steht, bei dem also die erwachende Vernunft am wenigsten ihre 
geheimen Winke in die sinnliche Auffassung mischt, muss von einem Doppelten, in solchem 
Grade nirgend Wiederholten ergriffen und zur Bewunderung hingerissen werden. ' Es ist einmal 
die erhabene Weite und Unermesslichkeit des Raumes, den der blaue Himmelsdom einnimmt, 
und sodann die Fülle von Lichtpunkten, welche die grosse Ausdehnung, die sonst tot, leer und 
schier unfassbar wäre, beleben. Aber dies vom Himmel in milden Strahlen, die dem Auge nicht 
wehe thun, herabströmende Licht wird noch viel wirkungsvoller mit Rücksicht auf die Dunkelheit 
der Erde und die Stille, welche gleichsam nur durch das Blitzen der Sterne unterbrochen wird 
und welche unwillkürlich beruhigend auf die' Seele wirkt. Hiermit verbindet sich nun leicht 
auf höherer Stufe die weiter führende Vorstellung, dass ebenso wie durch die Dunkelheit uns 
die Erde entrückt wird mit ihren kleinlichen Verhältnissen, mit den einengenden Schranken 
alles Irdischen, mit den Jämmerlichkeiten des Alltagslebens, mit dem Elend und der Not, dem 
Kummer und dem Leid, mit all den flatternden Wünschen, unerfüllbaren Hoffnungen und dem 
unstillbaren Sehnen, kurz mit alledem, was unser Menschendasein anfüllt, gerade durch den 
Gegensatz die Seele sich erweitert und erhoben fühlt in dem Anblicke einer höheren, grösseren, 
mindervergänglichen Welt. Es liegt so nahe, diesen Kontrast weiter auszuspinnen, und der 
ahnungsreiche Sinn wird Alles, was hier unten die Seele in ihrem Langen und Bangen vergebens 
sucht, und alles, was sie, durch die Dunkelheit der Erde gleichsam losgelöst von dem alltäglichem 
Leben, an Hohem und Edlem ersehnt, mit der ergebungsvollen Resignation, es auf Erden 
nimmer erreichen zu können, -auf jene milde, klare, leuchtende, aber nicht blendende Stefnen- 
welt übertragen und droben suchen, was nicht drunten ist, d. h. in der Höhe Licht und Leben, 
Glückseligkeit und wunschlose Zufriedenheit — wenn auch in weiter, unerreichbarer Ferne — 
sehen und hier unten Dunkelheit, Schrecken, Tod. Und den Resonanzboden aller dieser Em¬ 
pfindungen gleichsam bildet das Schweigen um uns her; nicht durch das Geräusch und 
die mannigfachen Laute, welche sonst an unser Ohr schlagen, wird die Aufmerksamkeit wach 
gemacht oder an die niedere Welt erinnert, sondern dies Schweigen wirkt anheimelnd be¬ 
seligend -*• gerade im Gegensätze zu dem Tageslärm —, und dies Empfinden der Stille legt 
sich lind wie eine weiche Welle ums Herz. Es liegt somit in der unmittelbaren, physikalischen 
s*) Oersted a. a. O. S. 24, vergl. auch Oersted, der Geist in der Natur. Deutsch von Kannegiësser, Leipzig 
1850. S. 65 ff.
        

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