Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Associationsprincip und der Anthropomorphismus in der Aesthetik. Ein Beitrag zur Aesthetik des Naturschönen
Person:
Biese, Alfred
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39697/19/
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dass ich — wenn auch nicht sterbend — auch einmal gesunken bin oder einen anderen habe 
sinken sehen, völlig verhüllt; sie m.ag im Geiste schlummern; aber das Wesentliche ist, dass 
ich mich dem Baume nicht nur anpasse, sondern mich ihm einfühle und so in ihn verzaubert 
sinke, bis zum Selbstvergessen, bis zur völligen Verwechslung. Es ist eben^nicht anders: wie 
unser Leib die Hülle eines Innern und zwar bis in die kleinsten Fibern und Nerven hinein 
belebte Hülle eines Innern ist, so müssen wir — in pantheistischem Drange, in dem notwen¬ 
digen Postulate der Harmonie von Geist und Natur, von Leib und Seele — auch in der gegen¬ 
ständlichen Welt die leblosen Dinge beseelt denken, und wenn es auch nur unsere Empfindungen 
bleiben, die wir ihnen unterlegen. Beseelungen wie: die Blume prangt in Jugendschönheit, um 
zu sterben; die Woge lauscht stumm; es kocht und heult die Flut, von Qual gehetzt; es rast 
das Feuer; die Flammen breiten sich gierig über das Gebälk; die vom Eise befreiten Wogen 
wälzen sich jubelnd durch die Auen u. ä* m. sind nicht Associationsvorstellungen, Erinnerungen 
an Menschliches, sondern wir versetzen uns hinein ins Feuer, in die Flut u. s. f., und nun scheint 
uns das Feuer nicht bloss zu rasen, die Woge zu jubeln oder zu klagen u. s. f., sondern im 
ästhetisch freien Schein — gegenüber der Mythenphantasie, die an ihre Gebilde glaubt, die sie 
in die Natur ihr Ich verzettelnd gesenkt hat — verschmelzen wir uns mit den Objekten, ver¬ 
tauschen Ich und Nichtich, weil es eben in der Phantasievorstellung untrennbar ist und die 
beiden Pole in der künstlerischen Bildnerkraft zusammenrinnen müssen. 
Wir können nach dem Gesagten daher den Satz formulieren: 
Association verhält sich zu Anthropomorphismus wie der Vergleich zu der 
Metapher (Beseelung); Association ist äusserlich hinzukommend wie der Vergleich mit 
„gleichwie“, „gleichsam“, der Anthropomorphismus ist in seiner höchsten Wirkung 
Verschmelzung wie die Metapher, ja diese wird ihr sprachlicher Ausdruck23). Bei 
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Realzusammenhanges andere, nicht gegenwärtige Bildvorstellungen, Gedanken und Lebensgefühle an, welche mit der 
Formsymbolik zunächst gar nichts zu thun haben“], bei dem alten dickbäuchigen Bierkruge neben der Ideenassociation 
' auch Einfühlung gelten lassen will, indem er sagt: „Ich denke und fühle also — erinnert an den durstigen Zecher, der 
ihn gehoben hat — einen Menschen, etwas Menschliches neben diesem Kruge. Ich kann mir aber den Zecher un- 
; willkürlich in einer Gestalt und Haltung vorstellen, welche diesem Kruge ähnelt“! — Fr. Vischer sagt a. a. O. S. 187: 
„Fechner giebt zu, dass an der Association die halbe Aesthetik hängt; an der Einfühlung hängt mehr als die halbe“. 
2S) Wie ich in meiner mehrfach schon herangezogenen Studie über das Metaphorische den Wahn zu beseitigen 
suchte, es sei die Metapher nur ein Zierrat der Rede, und sie vielmehr hinstellte als den sinnfälligsten Ausdruck jener 
Umbildung der Wirklichkeit, welche sich in der dichterischen Phantasie vollzieht, als eine jener primären Grundformen 
unseres menschlichen Denkens überhaupt — aber nicht als die einzige, notwendige Form der dichterischen Anschauung, 
wie mir O. Harnack, Preuss. Jahrb. S. 611 (1889), in den Mund legt—, so ist auch ebenso der andere mit dem ersteren 
zusammenhängende Wahn endlich aufzugeben, als erschöpfe man das Wesen der Metapher, wenn man sie ein verkürztes Gleichnis 
nennt. Freilich kann aus einer Metapher ein solches gebildet werden; aber Übertragung ist nicht Vergleichung, wenigstens 
wird diese nicht vom Dichter empfunden. Freilich wer wie K. Bruchmann (Psychologische Studien zur Sprachgeschichte) dem 
modernen Dichter den Gebrauch von Metaphern (wie Flügel des Geistes, es lacht der Himmel u. ä.) ohne die Er- 
läuterungs- und Vergleichungsfloskeln „gleichwie“ und „gleichsam“, verwehren will — denn der Dichter könne doch jetzt 
nicht mehr, wie vielleicht einstmals, glauben, dass der Geist wirklich Flügel habe oder dass der Himmel lache! — der 
hat des poetischen Geistes keinen Hauch verspürt! — Doch führt uns somit die Betrachtung der Metapher in das 
innerste Wesen des Menschen selbst, ist sie nicht bloss von aussen entliehener Schmuck, sondern beruht auf der . dich¬ 
terischen Verschmelzung von Objekt und Subjekt, so ist klar, dass sie bei der Erklärung von Gedichten auch in der 
Schule die höchste Beachtung erfahren muss. Nur der wird seinen Schülern das Lebensvolle, welches in den Gedichten 
enthalten ist, erklären können, der die Umformung, welche die Wirklichkeit in der Seele des Poeten gefunden hat, jenes Wider-
        

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