Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Associationsprincip und der Anthropomorphismus in der Aesthetik. Ein Beitrag zur Aesthetik des Naturschönen
Person:
Biese, Alfred
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39697/16/
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empfinden eine rhythmische Bewegung in unseren Organen, den Trägem des Lebens, im, 
Klopfen des Pulses, im Atmen —_was ist also natürlicher, als dass die Formen in der Natur, 
welche ebenfalls Symmetrie und, Harmonie zeigen,. uns Wohlgefallen oder dass wir versteckt, 
unbewusst die Verhältnisse unserer Selbst auf die Dinge übertragen?17) Ferner, sehe ich in Wellen¬ 
linien sich hinziehende Berg-und Hügelketten, so folgt das Auge den Windungen, gleichsam tastend, 
nach, aber dies Auf und Ab, das sich im Auge spiegelt oder welches, das Auge in verkürzter Form 
nachmacht, reflektiert sich in der Seele als ein Steigen und» Sinken. Es ist das kein Vergleich, 
keine Erinnerung, keine Association, sondern Anpassung, Einfühlung. Wir verlegen die Thätigkeit 
des sehenden Auges ins Objekt selber,,und so bringen wir Bewegung ih das Ruhende, Leben 
ins Tote; und■ so streckt sich der Berg, dehnt sich die Ebene, strebt empor der Rauch, 
schwebt die Wolke, hebt der Fels sich steil hinan u. ä.18) Was aber so von der Thätigkeit 
des Auges gilt — Vischer sagt mit Recht: „Das Schauen ist vom Beseelen nicht zu trennen“, — 
das gilt noch viel mehr von der Thätigkeit des Gefühls, des Gemüts, der Phantasie — anthro- 
pomorphisch leihen wir den Erscheinungen unser eigenes Empfinden und fühlen uns ihnen ein, 
so dass die Ruhe sich wandelt in Bewegung und das Starre, Unbelebte in Lebendiges, von 
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Seele Durchströmtes. 
In seiner anregenden, viel zu wenig beachteten kleinen Schrift „über das optische Forim 
gefühl“ (Stuttgart 1873) hat Rob. Vischer, der Sohn des grossen Aesthetikers, die vielfach zer¬ 
streuten Anregungen und Bemerkungen seines Vaters über Anpassung, Nachfühlung u. ä., das 
wir unter dem Namen Anthropomorphismus zusammenfassen, in selbständiger Weise weiter¬ 
geführt19) Gemäss den sensitiven und motorischen Reizen unterscheidet er eine sensitive 
Zufühlung und motorische Nachfühlung, sowie eine sensitive und eine motorische Einfühlung. 
Vieles ist freilich gar zu abstraktschematisch und in einer schwerfällig dunklen Ausdrucksweise 
gegeben, wie z. B. der Satz (S. 27.): „Man kann also sagen: die Einfühlung erfühlt das Objekt 
von Innen (Objektscentrum) nach Aussen (Objektsform) ; während Zufühlung und Nachfühlung 
(als Anfühlung) von Aussen (Objektsform) nach Innen (Objektscentrum, Einfühlung) gehen, aber 
auch von jedem Innen des Objektes abstrahiren können.“ Es kommt darauf hinaus, dass Innen 
und Aussen in der Phantasie zusammenrinnen, dass die Vorstellung, wie R. Vischer sich aus¬ 
drückt, „eine Mischerin“ ist, dass „in ihrem weichen Elemente die Weltgegensätze, Ruhe und 
Bewegung, Ich und Nichtich zu einem rätselhaften Ganzen zusammenfliessen“. Beim Sehen 
„scheinen die Formen sich zu bewegen, während nur wir in der Vorstellung uns bewegen;, 
wir bewegen uns in und an den Formen; allen Raum Veränderungen tasten wir mit liebenden 
Händen nach; wir klettern empor an dieser Tanne, wir recken uns in ihr selbst empor, wir 
t7) Vischer, das'Symbol a. a. O. S. i8S\sagt von den „reinen Formen, reinen Verhältnissen, harmonischen 
Ordnungen“: „Es sind Verhältnisse der Einheit in der, Vielheit. Wie kann Einheit in der Vielheit ästhetisch gefallen? 
An sich ist sie etwas rein Abstraktes, das als Solches die Seele, die seelische Sinnlichkeit eiskalt lässt; fühlt diese etwas 
dabei und zwar Lust, ästhetische Lust, so kann es nur sein, weil die Seele mit ihrem Nervenleben und ganzem Leibe 
selbst eine Einheit in Vielheit ist und sich da wiederfindet, wo sie solche findet.“ Er nennt dies sodann „Einfühlung des 
Menschen als einer selbst zur Einheit geordneten Vielheit.“ 
18) Vergl. Du Prel, Psychologie der Lyrik (Leipzig 1880), cap. V: die ästhetische Anschauung der Linie. 
Mit Recht hat daher Fr. Vischer noch in seiner letzten Schrift „Das Symbol“ a. a. O. mit Wärme auf die: 
Ausführungen seines Sohnes hingewiesen, die nicht nach Verdienst gewürdigt seien.
        

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