Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Elektrobiologie: Die Lehre von den elektrischen Vorgängen im Organismus auf moderner Grundlage dargestellt
Person:
Bernstein, Julius
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39671/58/
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der Reizwelle (negative Schwankung, Phase) in jedem 
einzelnen Muskelelement vollzieht sich daher im 
Stadium der latenten Reizung. 
Man wird aus dieser Tatsache schließen dürfen, daß der ge¬ 
samte Erregungsprozeß in dem Muskel, welcher die Kontraktion 
bedingt, kein einheitlicher ist, da die elektrischen und mecha¬ 
nischen Veränderungen desselben zeitlich nicht zusammenfallen. 
Beiden Vorgängen, den elektrischen wie mechanischen, liegen un¬ 
bedingt chemische Prozesse zugrunde, die in der Muskelsubstanz 
ablaufen. Wir wissen mit Bestimmtheit, daß bei der Muskel¬ 
tätigkeit eine stärkere Spaltung und Oxydation von organischen 
Verbindungen in dem Muskel eintritt, als dies in der Ruhe ge¬ 
schieht, und daß der Muskel bei der Tätigkeit mehr Sauei’stoff 
verbraucht und unter den Verbrennungsprodukten hauptsächlich 
mehr Kohlensäure liefert als in der Ruhe. Auch die Wärme¬ 
erzeugung im Muskel, die bei der Arbeitsleistung eintritt, ist ein 
Beweis dafür, daß bei der Reizung chemische Energie umgesetzt 
wird. Wir werden daher sagen dürfen, daß der gesamte chemische 
Prozeß bei der Kontraktion in zwei Teilprozesse zerfällt. Der 
erste fällt mit der elektrischen Veränderung, der zweite mit der 
mechanischen Veränderung der Muskelfaser zeitlich zusammen. 
Der erste fällt zum großen Teil in das Stadium der Latenz und 
muß bis zu einem gewissen Grade vorgeschritten sein, damit der 
zweite zugleich mit der Kontraktion erfolgen kann. Welcher Art 
der erste Teilprozeß ist, möge zunächst unbestimmt bleiben; daß 
der zweite im wesentlichen in einer oxydativen Spaltung organischer 
Verbindungen besteht, kann wohl als sicher angesehen werden. 
Weiteres hierüber wollen wir später behandeln. 
Diese elektrischen Veränderungen der Muskeln und Nerven 
in ihrer Beziehung zum Ablauf der Erregung und Tätigkeit sind 
nun in den letzten Jahrzehnten auch mit Hilfe von elektrischen 
Instrumenten beobachtet worden, welche schnellen Stromes¬ 
schwankungen mit großer Schnelligkeit folgen und daher die 
Anwendung des Rheotoms zum Teil ersetzen können. Zu diesen 
gehört erstens das von dem Physiker Lippmann erfundene 
Kapillarelektrometer und zweitens das von dem Physiologen 
Einthoven konstruierte Saitengalvanometer1). Beide Instru- 
*) Beschreibung dieser Instrumente siehe im Anhang. 
Bernstein, Elektrobiologie. 
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