Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens
Person:
Störring, Gustav
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39662/75/
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens 
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Tatbeständen gezogenen Folgerungen über Abhängigkeitsbeziehung 
der in der Erinnerung steckenden Überzeugung haben in späteren 
experimentellen Untersuchungen ihre Bestätigung gefunden1). 
2. Nachdem wir uns so in großen Zügen über das die Erinne¬ 
rungsprozesse gegenüber einfachen Reproduktionsprozessen Charak¬ 
terisierende Aufklärung verschafft haben, werden wir den Einfluß 
der Gefühlszustände auf die Erinnerungsprozesse besser verständ¬ 
lich machen können. 
Wir geben zunächst einen diesen Einfluß illustrierenden Fall 
von Kraepelin. 
Patient, 55jähriger Häusler, wird der psychiatrischen Klinik 
nach 30jährigem Aufenthalt im Zuchthause wegen Geistesstörung 
zugeführt. ,,Der Kranke, ein fleißiger, dem Trünke nicht ergebener 
Mann, heiratete mit 23 Jahren eine leichtfertige, wenig arbeitsame 
Frau, mit der er schon voreheliche Kinder gehabt hatte. Drei 
Jahre später, als er Grund zur Eifersucht zu haben glaubte, 
bedrohte er sie ernstlich mit dem Messer, worauf sie zu ihren nahen 
Eltern floh. Am gleichen Abend wurde ein Schuß in das Zimmer 
abgegeben, der den Bruder des vermeintlichen Nebenbuhlers 
tötete. Unser Kranker leugnete die Tat und suchte seine Abwesen¬ 
heit nachzuweisen. Seine Täterschaft konnte jedoch mit unbe¬ 
dingter Gewißheit dargetan werden. Er wurde darauf zum Tode 
verurteilt und zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe begnadigt. 
Im Strafvollzug erwies er sich als unbotmäßig und wurde wegen 
Widersetzlichkeit, Schimpfen, gotteslästerlicher Beden, Ein¬ 
mischung in fremde Angelegenheiten, Beschreibens und Ver- 
steckens von Papier ziemlich oft bestraft, besonders häufig 
vom 16. Jahr seines Aufenthaltes im Zuchthause an, anschließend 
an die Ablehnung eines Gnadengesuches. Ein Jahr vorher hatte 
er die Nachricht vom Tode der Frau erhalten, die er sehr ungläubig 
aufnahm. ,,Eine solche junge, kräftige Frau stirbt doch nicht; 
das gibts nicht”, meinte er. Zugleich beschuldigte er den Haus¬ 
geistlichen, mit seiner Frau in geschlechtlichen Beziehungen zu 
stehen, und behauptete, dieser habe das Gerücht von ihrem Tode 
verbreitet, um sein Verhältnis zu vertuschen, und sei ihm über¬ 
haupt feindlich gesinnt. Er gestand jetzt auch zu, den verhängnis¬ 
vollen Schuß abgegeben zu haben, versicherte aber, er habe den 
Betreffenden nur in die Beine schießen wollen 
und sei beim Abdrücken aus Versehen zu hoch gekommen. 
Nach 23 Jahren in ein anderes Zuchthaus überführt, behauptet 
er hartnäckig, zu Unrecht verurteilt zu sein und verlangte leiden¬ 
schaftlich die Wiederaufnahme des Verfahrens, da er Zeugen habe, 
die seine Unschuld beweisen könnten. .. Er sei ein Freiheitsmensch 
1) Störring\ Psychologie. S. 311 ff.
        

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