Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens
Person:
Störring, Gustav
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39662/68/
1192 
G. Störring 
mählich zu einem leichten Zittern ahgedämpft, und ich eilte nach Hanse, mich 
völlig normal fühlend;, als ob ich, nicht ein so seltsames Ereignis dnrchgemacht 
hätte.” ' 
Baetz berichtet dann noch von einem ähnlichen Erlebnis des bekannten 
Afrikaforschers Livingstone. Livingstone berichtet, daß er einst am Lagerfeuer 
mit heftigem Schmerz im Arm erwachte. Ein Löwe hatte ihn am Arm gefaßt. 
Er beschreibt dann, wie sein anfänglicher wilder Schreck auf unerklärliche Weise 
plötzlich verschwand und einem Gefühl indifferenter Neugier Platz machte. 
Er habe sich gesagt: Nun hat dich die Bestie am Arm, dann zermalmt sie dir die 
Schulter, dann schlägt sie dir mit der Tatze die Brust oder den Schädel ein, und 
dann — nun ja, dann ist es eben aus. Er sah sich sozusagen ganz objektiv, der 
fühlende Teil seines Ich war eliminiert.” 
Es handelt sich in solchen Fällen, wie es scheint, um.Er¬ 
schöpfungszustände, speziell für emotionelle 
Reaktionen. Wichtig ist hierbei, daß hier die 
intellektuellen Betätigungen nicht in ähn¬ 
licher Weise gestört sind. 
Was die dauernde pathologische Herabsetzung der emotionellen 
Erregbarkeit betrifft, so will ich hier zunächst die Schizophrenie 
ins Auge fassen. 
Die Herabsetzung der emotionellen Erregbarkeit tritt hier 
im Beginn der Erkrankung häufig deutlicher in die Erscheinung 
als die Herabsetzung der intellektuellen Leistungsfähigkeit. 
In einer gewissen Phase des weiteren Fortschrittes der Er¬ 
krankung kann man die psychologisch sehr interessante Fest¬ 
stellung machen, daß, während ’der Vollzug ak¬ 
tueller Wertschätzungen so gut wie auf¬ 
gehoben ist, das Wissen von den Wertschät¬ 
zungen noch intakt ist! 
Bleuler sagt - über eine mittlere Phase der Entwicklung dieser 
Erkrankung in seiner Monographie über Dementia praecox 
folgendes1) : 
,,Eine Mutter kann schon im Anfang ihrer Krankheit für 
das Wohl und Wehe ihrer Kinder indifferent sein und doch nicht 
nur die Worte einer normal empfindenden Mutter brauchen, sondern 
auch wirklich alles verstehen, was für ein Kind gut oder schädlich 
ist, und bei Gelegenheit, z. B., wenn sie ihren Austritt aus der 
Anstalt motivieren möchte, darüber' ganz richtig diskutieren. 
Ob ihre Familie oder sie selbst zugrunde gehe, das ist solchen 
Kranken gleichgültig, der Trieb der Selbsterhaltung ist auf Null 
reduziert; die Kranken kümmern sich nicht darum, ob sie ver¬ 
hungern oder nicht, ob sie auf Eis liegen oder auf einem erhitzten 
Ofen. Bei einem Anstaltsbrande mußten eine Anzahl Patienten 
aus den bedrohten Abteilungen geführt werden; sie hätten sich 
nicht vom Platze bewegt; sie hätten sich ohne Affekt ersticken 
oder verbrennen lassen1).” 
x) Bleuler: Dem. praecox. S. 32.
        

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