Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens
Person:
Störring, Gustav
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39662/521/
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens 
1645 
der Würde des autonomen Pflichtbewußtseins kein Abbruch 
getan wird. 
Kant behauptet, daß das ethische Wollen nichts mit Sym¬ 
pathiegefühlen zu tun habe. Einem Handeln aus bloßer Sympathie 
mit Lust und Leid eines Menschen kann er keine ethische Be¬ 
deutung beimessen. Wäre das richtig, so hätte die ganze ,,eudä- 
monistische Ethik” von Sokrates bis John Stuart Mül nichts mit 
Ethik zu tun, dann hätte diese Betrachtungsweise auch nicht 
einmal eine Seite des Ethischen richtig charakterisiert. Richtig 
ist aber andrerseits, daß man sich auf einen Menschen, der sich 
nur durch Sympathiegefühle zu altruistischem Handeln bestimmen 
läßt, nicht so verlassen kann, als wenn jemand ohne Entwicklung 
von Sympathiegefühlen in einem gegebenen Fall ethisch zu handeln 
imstande ist. Wenn ich bei Vergebung einer Stellung mitzuwirken 
habe und ich mich dabei nur durch meine Sympathiegefühle 
leiten ließe, so wäre wenig Garantie für eine gerechte Beurteilung 
gegeben. 
Was Kant ethisches Wollen nennt, ist eine Form höheren 
ethischen Wollens. Eie ist von ihm richtig charakterisiert, aller¬ 
dings nicht nach der Genesis. 
Kant nennt das autonome Pflichthandeln auch ein Handeln 
aus bloßer V ernunft. 
Es läßt sich zeigen, daß dies Handeln darauf beruht, daß in 
der Entwicklung der Persönlichkeit die Urteile „das und 
das ist ethisch verboten” und „das und das ist 
ethisch geboten” zu Summationszentren ethi¬ 
scher Gefühlsmassen geworden sind; ich spreche hier 
von einem positiven und negativen Summationszentrum ethischer 
Gefühle. Zur Entwicklung sind diese Summationszentren der 
ethischen Gefühle aber gekommen unter Einwirkung ethischer 
Selbstachtung1). 
Hier läßt sich wieder auf deduktivem 
Wege eine sichere Bestimmung machen. Denken 
wir uns eine Form ethischer Selbstachtung durch eine Handlung 
von uns gefährdet, welche dieser Form bei uns vorhandener ethischer 
Selbstachtung widerspricht — auch wenn es sich um eine einem 
anderen vielleicht nicht wichtig erscheinende Abweichung handelt—, 
so wird diese Gefährdung mit ethischen Unlustgefühlen erlebt, die 
in ihrer Qualität und Intensität von dieser Form ethischer Selbst¬ 
achtung abhängen. Diese Unlustgefühle finden dann aber eine 
Übertragung auf das hier im Bewußtsein gegebene Urteil 
,,das und das ist ethisch verboten”. So wird dieses Urteil im Lauf 
1) Starring: Moralphüosophisclie Streitfragen. S. 133; Hebel der sittlichen 
Entwicklung der Jugend. S. 155. 
Abderhalden, Handbuch der biologischen Arbeitsmethoden. Abt. VI, Teil B/II. 
106 a
        

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