Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens
Person:
Störring, Gustav
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39662/491/
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens 
1615 
Die letzteren Bestimmungen sind aber offenbar zu unbestimmt 
gehalten. 
Es scheinen mir bei der Mutterliebe folgende Faktoren wirk¬ 
sam zu sein: 
Zunächst 1. verbindet sich wohl die Wahrnehmung 
der Jungen unmittelbar mit Lustgefühlen. 
Sodann entstehen 2. auch offenbar Lustgefühle aus 
der Umarmung der Jungen (Bain). Es findet sodann 
3. eine Übertragung von Lustgefühlen aus dem 
eigenen Wohlbefinden (der Mutter) statt und sodann erzeugt 4. und 
5. der Eindruck der Schwäche und Hilflosig¬ 
keit (Spencer) Mitleiden, womit ein Impuls zur Hilfe¬ 
leistung gesetzt ist. Der Vollzug der Hilfeleistung verbindet sich 
mit ausgeprägter Tätigkeitslust, welche dann in 
innige assoziative Beziehung zur Wahrnehmung des Jungen tritt 
und die ursprünglich bei Wahrnehmung des Jungen ausgelöste 
Lust beträchtlich verstärkt. Zuletzt wird die Auffassung 
der vollzogenen Hilfeleistung, die Auffassung des 
Effektes derselben, sich mit Lust verbinden, die durch Kontrast 
zu dem vorangehenden Mitleidsgefühl noch eine Steigung ihrer 
Intensität erfahren kann. Diese Lust ist sodann natürlich einem 
Prozeß der Verobjektierung unterworfen. 
Bezüglich der Wirkung des durch den Eindruck der Schwäche 
und Hilflosigkeit ausgelösten Mitleidens ist zu sagen, daß es sich 
auf ein Lebewesen bezieht, dessen Wahrnehmung sich schon mit 
Lustgefühlen verbindet, so daß hier vom Anfang an die Wirkung 
des Mitleidens durch die Zuneigung, welche mit der Übertragung 
von Lust auf das Objekt gegeben ist, etwas unterstützt wird. Diese 
Unterstützung wird natürlich in der Folge, nachdem die Faktoren 
vier und fünf sich geltend gemacht haben, sehr beträchtlich ge¬ 
steigert. 
Wir sehen, daß in diesen Prozessen aus verschiedenen Quellen 
entsprungene Lust eine Polle spielt. Aber man kann unmöglich 
mit Bain sagen, daß die Hilfeleistung „um des Vergnügens willen” 
geschehe. Aristoteles hat ja schon erkannt, daß die Lust in 
einer Betätigung wirksam sein kann, ohne daß sie gewollt ist, in 
die Zweckvorstellung des Wollens auf genommen ist. 
Und mißverständlich ist es zum mindesten, wenn Wester march 
von der Mutter sagt, sie liebt die Jungen, ,,weil sie für sie eine 
Quelle des Vergnügens sind”. 
Methodologisch ist zu bemerken, daß hier für den 
Beweis der Wirkung des Eindruckes der Schwäche und Hilflosig¬ 
keit der Jungen mit Geschick Tatbestände aus dem Tierleben 
herangezogen sind.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.