Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens
Person:
Störring, Gustav
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39662/49/
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens 
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Haus- und Wirtschaftsgegenstände wurden in ihrem Geist in die 
engste ursächliche Beziehung zu diesem Gedanken gebracht, 
z. B. sie könnte durch Schwefelhölzer, Glasscherben, Kohlen, 
unreine Eß- und Trinkgeschirre, unsaubere Wäsche Gift bzw. 
einen Infektionskeim zugetragen haben (es war damals eine 
Typhusepidemie in jener Stadt). Die Zwangsvorstellung erweiterte 
sich allmählich dahin, daß sie überhaupt Schaden stifte durch alle 
Verrichtungen. Alles, was sie erlebte, trat mit dieser Vorstellung 
in enge Beziehung. Am gefährlichsten war für sie der Anblick 
von Stecknadeln, Scheren, Messern, überhaupt von spitzigen 
Gegenständen, weil sofort der Gedanke auftauchte, sie könnte mit 
denselben jemanden verletzen. Wenn sie ein Eßgeschirr erblickte, 
so spann sie die Vorstellungreihe aus, sie könnte Gift an dasselbe 
gebracht haben und einer ihrer Hausgenossen könnte durch Be¬ 
nutzung desselben in Krankheit verfallen. 
So lebte Patientin in steter Furcht und Sorge 5 wenn sich 
die Zwangsvorstellungen häuften, so traten die heftigsten Angst¬ 
anfälle auf, die von der Wirbelsäule zum Brustbeine durch drängen. 
Ein Frostgefühl befiel sie, die Glieder starben ihr ab, ein allge¬ 
meines Zittern packte sie, in ihrer Angst und Verzweiflung warf 
sie sich auf den Boden, brach in konvulsivisches Weinen aus und 
flehte den Himmel an, sie von ihren Leiden durch den Tod zu 
erlösen. ,,Diese Vorstellungen sind furchtbar, das Widersinnige 
empört mich; folge ich ihnen nicht, suche ich mit Aufbietung aller 
meiner Kräfte ihnen zu entrinnen, so steigert sich die Angst nur 
noch mehr und ich finde sogar eine Art von Erlösung, wenn ich 
wieder zu den Gedanken zurückkehre. Ich lebe in unaufhörlichem 
Kampfe, der mich gemütlich aufreibt und dem Selbstmorde nahe 
bringt.” 
Die Zwangsvorstellungen treten, wie schon oben erwähnt, 
mit sehr wechselnder Intensität auf. In den Zeiten körperlichen 
Wohlbefindens, besonders wenn der Nachtschlaf ausgiebig ist, 
vermag Patientin dieselben im Keim zu unterdrücken, indem sie 
ihre Aufmerksamkeit anderen Gegenständen zuwendet. Sie ist 
in diesen ruhigen Zeiten eine treffliche Hausfrau, die ihre häus¬ 
lichen und Vermögensangelegenheiten ganz selbständig verwaltet. 
Irgendein körperliches Übelbefinden aber oder gesteigerte An¬ 
forderungen an ihre Muskeltätigkeit oder Gemütsbewegungen und 
geistige Überanstrengungen haben ein verstärktes Auftreten der 
Zwangsvorstellungen zur Folge. Zuerst entwickelt sich, wie 
Patientin mit aller Bestimmtheit angibt, ein allgemeines unbe¬ 
stimmtes Angstgefühl und die ganz vage Vorstellung, sie hätte 
irgendein Unheil angerichtet. Erst wenn dieser Zustand einige 
Tage angedauert hat, erfolgt ein paroxvstischer Ausbruch, in 
welchem die geschilderten einzelnen Zwangsvorstellungen mit 
Abderhalden, Handbuch der biologischen Arbeitsmethoden, Abt. VI, Teil B/II. 77
        

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