Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens
Person:
Störring, Gustav
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39662/477/
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens 
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so finden wir bei ihm das gleiche Verfahren in seinen psycho¬ 
logischen Untersnchnngen hervortreten. Die Grundlage aller 
exakten Psychologie sieht er mit Recht gegeben in der experi¬ 
mentellen Psychologie. Dieselbe behandelt nach ihm aber nnr 
relativ elementare psychische Tatbestände. Für üntersnchnng der 
höheren psychischen Tatbestände will Wundt nicht eine Selbst¬ 
beobachtung am Schreibtisch in Anspruch nehmen, er findet für die 
Untersuchung des höheren psychischen Lebens ein großes objek¬ 
tives Material gegeben in den Tatsachen der Völkerpsycho¬ 
logie. Was das höhere Gefühlsleben betrifft, so rekuriert Wundt 
auf solch objektives Material sowohl für die Untersuchung der 
ethischen Gefühle wie für die der ästhetischen und religiösen. 
Auf ethischem Gebiet ist für Wundt das Resultat der völker¬ 
psychologischen Untersuchung in der Hauptsache folgendes : Einmal 
ergeben die völkerpsychologischen Einzeluntersuchungen, daß die 
Entwicklung der ethischen Anschauungen in der Menschheit von 
Sympathiegefühlen und von Ehrfurchtsgefühlen 
abhängt (von Ehrfurchtsgefühlen nach Wundt besonders in mehr 
indirekter Weise, indem diese primär die religiöse Entwicklung 
bestimmen und diese wieder nach ihm von großem Einfluß auf die 
sittliche Entwicklung der Menschheit ist). Wir haben zu betonen, 
daß die Ehrfurchtsgefühle jedenfalls auch direkt für die sittliche 
Entwicklung von eminentem Einfluß sind. Wir werden darüber 
später ins Einzelne gehende Bestimmungen machen. 
Sodann macht Wundt auf Grund seiner musterhaften und 
erstaunlich ausgedehnten völkerpsychologischen Forschungen die 
schöne Feststellung, daß, wie auf anderen Gebieten des höheren 
psychischen Lebens, so auch auf dem ethischen Gebiet die Ent¬ 
wicklung bestimmt wird durch ein Prinzip, das er als das Prinzip 
der Heterogonie der Zwecke bezeichnet. Es besagt, 
daß die Effekte des menschlichen Wollens in einem fort über 
die von den Menschen ins Auge gefaßten Zwecke des Wollens 
herausgehen und daß die nichtgewollten Effekte des Wollens b e- 
reichernd wirken auf die späteren Zwecksetzungen ! 
Es wird sich uns später im einzelnen zeigen, daß diese 
Wundtschen Bestimmungen von großer Bedeutung für die Moral¬ 
psychologie sind. 
Die völkerpsychologischen Untersuchungen Wundts wurden 
ergänzt besonders durch die von WestermarcTc. 
Wir wollen uns jetzt diesen Untersuchungen von Westmarck 
zuwenden, indem wir sie zugleich kritisch und methodologisch be¬ 
trachten. Westermarclcs Untersuchungen stützen sich auf den 
günstigen Umstand, daß er zu einem großen Teil seines Materials 
in der denkbar intimsten Beziehung steht, indem er vier Jahre
        

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