Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens
Person:
Störring, Gustav
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39662/466/
1590 
G. Störring 
ästhetische Faktor kann nämlich, wenn in ihm ein sehr starker 
Gefühlsznstand steckt, die Stimmung beeinflussen. Es kann 
dann nach dem Ablauf der selbständigen Reproduktion das von 
neuem betrachtete Objekt unter dem Einfluß der veränderten 
Stimmung eine andere ästhetische Wertschätzung erfahren. Groos 
entwickelt das an einem sehr geschickt gewählten Beispiel. Er sagt : 
,,ich habe bei dem Anblick des Matterhornes von Zermatt aus wie 
jeder andere Beschauer sofort den Eindruck von etwas un¬ 
gewöhnlich Wildem und Drohendem gehabt. Dieser Eindruck 
erklärt sich leicht aus der ganzen Form des Berges, der wie kein 
anderer das Gepräge der Unnahbarkeit besitzt. Eines Tages fiel es 
mir auf, daß die Hauptlinien seiner Gestalt dreimal die Form einer 
Schlange wiederholen, die sich aufgerichtet hat und mit leicht 
zurückgebeugtem Hals und vorwärtsdrängendem Kopf zum töd¬ 
lichen Angriff überzugehen droht. Besonders der mittlere Grat, 
der, von Zermatt aus gesehen, die ganze Figur von oben nach unten 
teilt und dadurch noch schlanker macht, ist hierfür charakteristisch. 
Als ich von dieser Assoziation und dem durch sie bedingten Urteil 
(vom Urteil gilt natürlich genau dasselbe, was vorher von der 
Assoziation gesagt ist) zu dem Anblick des Berges zurückkehrte, 
war der Eindruck des Furchtbaren und Drohenden begreiflicher¬ 
weise äußerst lebendig, weil die durch Assoziation und Urteil er¬ 
zeugte Gesamtstimmung nach wirkend mit dem Wahrnehmungsakt 
verwuchs1).” 
Also ein außerästhetischer Faktor kann indirekt von ästhe¬ 
tischer Bedeutung werden, indem er eine veränderte Stimmung er¬ 
zeugt und diese bei einer von neuem erfolgenden Betrachtung des 
ästhetischen Objektes die ästhetische Wertschätzung beeinflußt. 
3. Der außerästhetische Faktor kann aber auch in der Weise 
ästhetisch wirksam werden, daß er bei häufiger Wiederholung 
seinen außerästhetischen Charakter verliert. Tritt der Gedanke der 
Zweckmäßigkeit eines ästhetischen Objektes neben der Wahr¬ 
nehmung des Objektes als selbständige Größe im Bewußtsein auf, 
so hat er außerästhetischen Charakter, kun kann aber der Ge¬ 
danke der Zweckmäßigkeit eines solchen Objektes infolge häufiger 
Wiederholung eine Verschmelzung mit der Wahrnehmung des 
Objektes eingehen. Dann ist aus dem außerästhetischen ein 
ästhetischer Faktor geworden. 
Dieser Übergang des außerästhetischen Faktors in einem 
ästhetischen vollzieht sich, wie ich gezeigt habe2), bei schnell auf¬ 
einanderfolgenden Wiederholungen der Assoziation auf Grund einer 
relativ geringen Anzahl von Wiederholungen. 
b Groos: Der ästhetische Genuß. S. 94 und 95. 
2) Störring: Psychologie des menschlichen Gefühlslebens. 2. Aufl. S. 184.
        

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