Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens
Person:
Störring, Gustav
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39662/4/
1128 
G. Störring 
Wundt. Eine Entscheidung bringen Mer psychopathologische 
Fälle, besonders Fälle von Zwangsgedanken. Einen ge¬ 
wissen Ansatz zn Zwangsgedanken findet man auch im normalen 
Seelenleben. Wenn man am Tage viel geistig gearbeitet nnd abends 
eine Reihe von Briefen geschrieben nnd dann die Briefe in die 
entsprechenden Briefumschläge gesteckt hat, da kann es einem 
passieren, daß man zweifelt, ob man die richtige Zuordnung voll¬ 
zogen hat; man erinnert sich etwa bestimmt, daß man die 
Zuordnung in richtiger Weise vollzogen hat, und kann doch den 
Gedanken nicht los werden, daß die Zuordnung vielleicht irr¬ 
tümlich vollzogen sei — bis daß man zum Überfluß noch eine 
Revision vornimmt. 
In pathologischen Fällen ist der Zwangs Charakter solcher 
Gedanken viel stärker ausgeprägt. Mindestens in einer großen 
Gruppe dieser Fälle ist nun die Sache die, daß die bestimmten 
Gedanken sich mit primärer Angst verbinden und daß die Fixie¬ 
rung der Gedanken durch den sich mit ihnen verbindenden Gefühls - 
zustand der Angst zustande kommt: Für die abnorme Intensität 
des zwangsmäßigen Sichaufdrängens ist hier kein anderer psychi¬ 
scher Tatbestand von abnormer Intensität aufweisbar als das 
Angstgefühl. Man muß eben beachten, daß Vorstellungen, oder, 
besser gesagt, ihre Korrelate, eine zu schwache Intensität haben, 
als daß sie dieses Sichauf drängen von abnormer Intensität zustande 
bringen könnten. 
Kach derselben Richtung werden wir sodann durch folgenden 
Tatbestand gewiesen: Wenn eine Änderung der Situation eintritt 
und sich infolgedessen — wie wir das später sehen werden — Angst¬ 
gefühle an einen anderen, etwa leicht modifizierten Gedanken an¬ 
schließen, so ist mit der geänderten Beziehung des Angstgefühles 
auch die Fixierung geändert1) : Immer diejenigen Gedanken werden 
fixiert, an die sich das Angstgefühl anschließt. Somit müssen wir 
die Angstgefühle für die abnorme Fixierung der Gedanken ver¬ 
antwortlich machen. 
Methodologisch ist zu beachten, daß wir hier den Weg von 
der Wirkung zur Ursache gehen: Einmal geleitet durch die ab¬ 
norme Intensität der Ursache, eine Exklusion eine der beiden 
Möglichkeiten vollziehend, und sodann liegt hier bei der letzteren 
Schlußweise offenbar auch ein Induktionsschluß nach der Über¬ 
einstimmungsmethode vor. — 
Fassen wir jetzt den Weg von der Ursache zur 
Wirkung ins Auge. 
Wenn eine melancholische Verstimmung zur 
Entwicklung kommt, so zeigt sich die Wirkung derselben auf den 
x) Störring: Vorlesungen über Psychopathologie. S. 406.
        

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