Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens
Person:
Störring, Gustav
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39662/359/
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens 
1483 
Affekt der Furcht von der primitiven Furcht dadurch unter¬ 
scheiden, daß bei der eigentlichen Furcht eine „V orstellung 
von einer bevorstehenden Veränderung des 
Ichs” vorliegt. 
Es ist merkwürdig, daß Lehmann behauptet, es gebe keine 
Furcht ohne einen Gegenstand, vor dem man sich fürchtet. Dem 
Psychiater ist solche Furcht etwas Alltägliches. 
Und im Fall des Kindes, das vor einer Maske schreiend davon¬ 
läuft und sein Gesicht in die Schürze der Mutter verbirgt, fehlt ja 
nicht einmal ein Objekt, auf das der Gefühlszustand bezogen 
werden kann. Hier fehlt sicherlich nichts an dem Affektzustand. 
Wenn noch Vorstellungen früherer Gefährdungen und Erinnerungen 
an solche hinzukommen, so wird allerdings der Affekt in seiner 
Intensität verstärkt. Das sieht man, wenn ein und dieselbe 
Vivisektion an einem Kaninchen und einem Hunde ausgeführt 
wird. Der Hund leidet darunter weit mehr, weil bei ihm die Vor¬ 
stellung der Gefahr eine viel größere Bolle spielt. Aber die Qualität 
des Gefühlszustandes hat sich nicht verändert, es ist doch das Ver¬ 
schmelzungsprodukt von Organempfindungen und Gefühlstönen 
nicht qualitativ verändert ! 
Zuletzt die „Vorstellung von einer bevorstehenden Ver¬ 
änderung des Ichs”. Von einem Affekt soll man nach Lehmann nicht 
anders reden können als bei Vorstellung von einer bevorstehenden 
Veränderung des Ichs ! Bei jedem Zornaffekt, den ich entwickle, 
soll eine Vorstellung von einer bevorstehenden Veränderung des 
Ichs vorhanden sein ? Das ist ein reflexionspsychologischer Irrtum ! 
Bei jedem Zornaffekt und jedem Angstaffekt findet eine Verände¬ 
rung des Ichs statt, aber sie braucht doch nicht als solche aufgefaßt 
zu werden! 
Zudem wird auch von Lehmann bei Charakterisierung des 
,,Instinkt affektes” gegenüber dem primären Instinkt durchaus 
nicht immer diese Vorstellung von einer bevorstehenden Ver¬ 
änderung des Ichs in Anspruch genommen ! 
Der primitive Instinkt der Heugier soll in den Affekt der 
Verwunderung übergehen, „wenn das Kind sich der Beuheit, der 
Ungewöhnlichkeit einer Wahrnehmung bewußt wird” 1). Der 
primitive Schutz ins tinkt soll in den Affekt der Zärtlichkeit über¬ 
gehen, „wenn die Vorstellung von der Schutzbedürftigkeit irgend¬ 
eines Wesens und der Folgen des fehlenden Schutzes bei der Wahr¬ 
nehmung entsteht”. Der primitive Geschlechtsinstinkt soll in den 
Affekt des Sexualgefühls übergehen, „wenn die Wahrnehmung 
einer anderen Person gewisse lustbetonte Vorstellungen und 
Organempfindungen hervorruft”. Wo ist in diesen Fällen die Vor¬ 
stellung einer bevorstehenden Veränderung des Ichs ? 
x) A. Lehmann'. 1. c. S. 338.
        

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