Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens
Person:
Störring, Gustav
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39662/355/
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens 1479 
Weise konnte es nunmehr bewogen werden, ein Stückchen Orange¬ 
schale aufzunehmen.” „Das Hühnchen pickt . . . anfangs mit der 
größten Unparteilichkeit anf alle möglichen Dinge geeigneter 
Größe los. Körner, Steinchen, Brotkrumen, zerschnittene Wachs¬ 
zündhölzchen, Johannisbeeren, Papierschnitzel, Knöpfe, Glasperlen, 
Zigarettenasche oder Stnmmel, Maden, Zwirnfädchen, Fleckchen 
anf den Dielen, die Angen ihrer Kameraden, ihre eigenen Zehen 
nnd die ihrer Gefährten — knrz alles nnd jedes, was nnr einiger¬ 
maßen entsprechende Größenverhältnisse anfweist, wird an- nnd 
womöglich anf gepickt nnd mit dem Schnabel geprüft.” Aber schon 
nach einigen Tagen sucht das Hühnchen das ihm Bekömmliche ans 
den ihm dargebotenen Objekten heraus. 
Diese Tatsache läßt sich nicht verständlich machen unter der 
Annahme, daß wir es hier bei Instinkten mit komplizierten 
Beflexen zu tun haben, da Reflexe sehr schwer zn hemmen 
sind. Jedenfalls bliebe es so völlig unverständlich, wie ein zwei Tage 
altes Hühnchen die dargebotenen Orangestückchen, welche dem 
Eidotter glichen, nach zweimaligem Aufpicken später völlig un¬ 
berührt lassen konnte. 
Das ist dagegen ohne weiteres verständlich, wenn man die 
Instinkte in dem oben charakterisierten Sinne anffaßt. 
Das Picken wird ansgelöst durch nnlnstgefärbte Hunger¬ 
empfindung nnd die Wahrnehmung von Objekten gewisser Größe. 
Das Hühnchen hat zweimal Orangestücke anfgepickt nnd dann 
kopfschüttelnd fortgeschlendert. An das Anfpicken der Orange¬ 
stückchen, so sagen wir, haben sich nnlnstgefärbte Geschmacks¬ 
empfindungen angeschlossen; durch diese Unlustgefühle ist das 
Fortschlendern derselben bedingt gewesen. Zwei Erfahrungen dieser 
Art haben genügt, um später bei Wahrnehmung von Orange¬ 
stückchen Unlustgefühle zn reproduzieren, die sich früher mit den 
entsprechenden Geschmacksempfindungen verbanden. Diese Un¬ 
lustgefühle wirkten hemmend auf das weitere Picken von Orange¬ 
stückchen, indem sie sich an die Vorstellung des Pickens von 
Orangestückchen anschlossen. 
Lloyd Morgan kam auf Grund seiner Beobachtungen zu der 
Schlußfolgerung, „daß nur bei der allerersten Ausübung einer 
instinktiven Tätigkeit die dabei zutage tretende Koordination 
automatisch ist und nicht unter Leitung des Bewußtseins steht; 
daß hingegen die Ausführung jener Tätigkeit selbst Anhaltspunkte 
für das Bewußtsein abgibt, unter deren Einwirkung die späteren 
Ausübungen derselben Handlung weiter ausgebildet, modifiziert 
oder gehemmt werden können1).” 
Beim Menschen tritt der Kahrungsinstinkt in ganz primitiver 
Weise hervor beim Saugen des Keugeborenen. Das Saugen 
x) Lloyd Morgan: 1. c. S. 152. 
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