Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens
Person:
Störring, Gustav
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39662/330/
1454 
G. Störring 
Eine noch nähere Ausgestaltung der Auffassung Lehmanns 
über vorgestellte Gefühlszustände findet man in folgender Stelle: 
„Recht häufig kommt es vor, daß die Vorstellung einer 
Situation entsteht, in der ich früher eine Gemütsbewegung erlebt 
habe. Ich sehe die ganze Situation, die sich beteiligenden Personen 
und die äußeren Umstände sehr deutlich, und ich weiß, daß ich dabei 
emotionell stark erregt war. Dieses Wissen tritt häufig in der Form 
auf, daß ich mich selber genau wie eine der anderen Personen sehe, 
und dieses vorgestellte Ich zeigt zweifellose Affektäußerungen. Von 
dieser emotionellen Erregung fühle ich aber nur eine Spur; die ganze 
Angelegenheit geht mich nicht viel mehr an, als wenn sie eine mir 
unbekannte Person beträfe. Ich kann mitunter, wenn Scham, 
Zorn oder ähnliche Affekte vorgestellt werden, eine geringe Er¬ 
wärmung der Gesichtshaut spüren, sonst sehe ich mir aber die 
ganze Szenerie völlig kalten Blutes an. Es handelt sich also hier, 
wie leicht ersichtlich, um einen wesentlich intellektuellen Zustand, 
eine Vorstellung wie jede andere, die nur von einem schwachen 
Gefühlston begleitet ist.” x) 
Die Begriffsbestimmung der „vorgestellten 
Gefühle” finde ich bei Lehmann insofern un¬ 
zweckmäßig, als dabei neben dem Wissen um 
die Gefühle noch blasse wirkliche Gefühle, 
also blasse wiedererlebte Gefühle angenommen 
werden. Ich spreche da, wo auch nur blasse 
wiedererlebte Gefühle auftrete n, eben von 
wiedererlebten Gefühlen und grenze davon 
diejenige Fälle ab, wo ein bloßes Wissen um 
Gefühlszustände auftritt. Das Vorkommen eines 
solchen bloßen Wissens um Gefühlszustände bestimmter Art habe 
ich unter den soeben angegebenen experimentellen Bedingungen 
häufig konstatieren können, und zwar ganz im Anfang der Be¬ 
arbeitung des emotionellen Reizwortes von der Versuchsperson. 
Später entwickelten sich dann gewöhnlich wiedererlebte Gefühls- 
zustände. 
2. Wir fragen uns nun weiter, wie es mit 
dem Intensitätsunterschied der ursprüng¬ 
lichen und der wiedererlebten Gefühlszustände 
steh t. 
Wenn man einer Versuchsperson eine unangenehm schmeckende 
Lösung appliziert und so eine Geschmacksunlust erzeugt, so ver¬ 
bindet sich dieselbe mit körperlichen Begleiterscheinungen in Puls, 
Atem usw. Wenn man nach diesem Versuch diese Versuchsperson 
uuffordert, sich zu vergegenwärtigen, in welcher Situation sie sich 
1) A. Lehmann: 1. c. S. 224 und 225.
        

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