Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens
Person:
Störring, Gustav
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39662/327/
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens 
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wo an die Vergegenwärtigung dieser Situation sich ein Zorn¬ 
affekt anschließt, ohne daß die gedachte Situation jetzt noch 
aktuelle Bedeutung hat — oder wo wir uns eine Situation lebhaft 
vor Augen führen, in der wir in einen starken Angstzustand ge¬ 
rieten, und wo jetzt auf Grund der Vergegenwärtigung dieser 
früheren Situation, obgleich sie jetzt keine aktuelle Bedeutung 
mehr hat, wieder ein Angstzustand in uns zur Entwicklung kommt 
— oder unter einfachen experimentellen Bedingungen: wo uns 
eine Geschmackslösung appliziert wurde, welche starke Unlust¬ 
gefühle auslöste, und wo kurze Zeit nach Ablauf dieser Geschmacks¬ 
reizung die Versuchsperson veranlaßt wird, sich die Situation 
zu vergegenwärtigen, in die sie durch Applikation der Geschmacks- 
lösung versetzt wurde. 
In all diesen Fällen stehen die entwickelten Gefühlszustände 
unter der Nachwirkung ursprünglich erlebter Gefühls¬ 
zustände. Man kann diese Gefühlszustände als abgeleitete 
oder wiedererlebte Gefühlszustände bezeichnen. Weniger 
zweckmäßig ist es, wie sich uns später zeigen wird, hier von reprodu¬ 
zierten Gefühlszuständen zu sprechen. 
In anderen Fällen macht sich das Gefühlsgedächtnis in der 
Weise geltend, daß wir eine Vorstellung oder Er¬ 
innerung an frühere Gefühlszustände ent¬ 
wickeln, ohne daß dabei wiedererlebte Gefühle auftreten ; ich meine 
die Fälle, wo ein bloßes Wissen um früher erlebte Gefühls¬ 
zustände auftritt. 
Ribot hat in diesem Gebiet Untersuchungen angestellt, wobei er 
die Fragebogenmethode zu Hilfe genommen hat. Er hat 
die Gefragten ersucht, sich den besonderen Fall einer be¬ 
sonderen Gemütsbewegung (Furcht, Zorn, Liebe usw.) ins Ge¬ 
dächtnis zu rufen1).” Ribot hat auf diesem Wege ein großes Aus¬ 
sagematerial gewonnen. Er glaubt, auf Grund desselben berechtigt 
zu sein, zwischen zwei Arten des Gefühlsgedächtnisses zu unter¬ 
scheiden zwischen einem unechten, abstrakten Ge¬ 
fühlsgedächtnis und einem echten, konkreten2) 
Gefühlsgedächtnis. 
Über das unechte, abstrakte Gefühlsgedächtnis sagt Ribot 
folgendes : 
,,Das unechte oder abstrakte Gefühlsgedächtnis besteht in der 
Vorstellung eines Ereignisses und einem Gef ühlsmerkmal, 
ich sage nicht einem Gefühls zustande. Es ist sicher am 
häufigsten. Was bleibt von den kleinen Unfällen einer langen Beihe 
in unserem Bewußtsein übrig1? Die Erinnerung an die Orte, wo 
x) Bibot: Psychologie der Gefühle übersetzt von Ufer, 1. c. S. 191. 
2) Bibot: 1. c. S. 200.
        

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