Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens
Person:
Störring, Gustav
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39662/192/
1316 
Gr. Störring 
3. In einer weit größeren Klasse von 
Fällen vollzieht sich die Übertragung eines 
verdrängten Unlustaffektes auf einen Körper¬ 
teil, dessen Empfindung früher nicht mit 
einem ähnlichen Affektzustand verbunden 
war, sondern mit einem Unlustaffektzustand 
anderer Qualität. Es schließt sich dann an die Empfindung 
dieser Körpergegend ein Unlustaffekt an, welcher dem zuerst mit 
Empfindung dieses Körperteiles zusammen aufgetretenen Affekt¬ 
zustand von dieser anderen Qualität verwandt ist. Freud nennt 
das „Neubesetzung alter Symptome”. 
Ich gebe einen Fall von Frank: 
,,Ein junger Akademiker, ein ausgezeichneter und ethisch 
hochstehender Mann von 25 Jahren, kam zu mir mit schmerz¬ 
haften Affektionen in der Bein- und Kumpfmuskulatur. Er 
schilderte seine Schmerzen genau so wie sie beim Muskelrheuma¬ 
tismus Vorkommen. Hätte ich die Anamnese nicht kennengelernt, 
so würde ich auf Grund seiner Schilderungen die Affektion auch, 
wie andere Kollegen, für einen Muskelrheumatismus angesehen 
haben. Zwei Jahre vorher hatte er sich bei einer längeren 
Hochtour, wo er den Unbilden der Witterung in hohem Maße 
ausgesetzt war, einen schweren Muskelrheumatismus zugezogen. 
Zu seiner Wiederherstellung machte er eine Bade- und Massagekur 
in Baden durch. Der Zustand hob sich und Patient konnte wieder 
seinem Berufe und auch seiner Lieblingsneigung nachgehen, Hoch¬ 
touren zu machen. Fach zwei Jahren stellten sich die gleichen 
Schmerzen wieder ein. Da die Kur in Baden eine probate war, so 
lag es nahe, dieselbe zu wiederholen. Kun wollten aber die 
Schmerzen nicht weichen; der sehr tüchtige Masseur versicherte 
dem Patienten wiederholt, daß diesmal sein Zustand ein anderer 
sei, denn er fühle beim Massieren, daß nicht die gleichen Ver¬ 
änderungen in seinen Muskeln seien wie vor zwei Jahren. Der 
Masseur stellte die Vermutungsdiagnose, daß es diesmal wohl ein 
nervöser Zustand sei. Auf Grund meiner Erfahrungen suchte ich 
nachzuforschen, ob Patient in seinem Affektleben irgendwelche 
Störungen haben könnte. Ich bemerkte ausdrücklich, daß es in 
solchen Fällen häufig Störungen im Sexualleben sein können, daß 
aber auch Störungen in anderen Affekten genau die gleiche Wirkung 
hervorrufen können. Es ergab sich nun, daß unser Patient aus 
rein ethischen Gründen seit längerer Zeit seine sexuellen Kegungen 
unterdrückt hatte. Er tat dies, weil er aus moralischen Gründen 
jeden außerehelichen Sexualverkehr verwarf und er sich durch 
Unterdrückung seiner Erregungen durch den Willen vor Mastur¬ 
bation sichern wollte. Wie immer in solchen Fällen, hatte Patient 
eine große Übung erlangt, mittels seines Willens jede Erregung
        

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