Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens
Person:
Störring, Gustav
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39662/185/
Methoden der Psychologie des G-efühlslehens 
1309 
Die Frage ist nun, woher stammte die nene Idee, die sich mit 
so elementarer Gewalt dem Bewußtsein aufdrängte1? Und woher 
nahm sie jene Kraft, welche das Bewußtsein dermaßen ergreifen 
konnte, daß sie es von all den mannigfaltigen Eindrücken einer 
ersten Tropenfahrt gänzlich abziehen konnte ? Diese Fragen sind 
nicht so leicht zu beantworten. Wenden wir aber unsere Theorie 
auf diesen Fall an, so muß die Erklärung lauten : Die Idee 
der Energie und ihrer Erhaltung muß ein 
urtümliches Bild sein, das im kollektiven 
Unbewußten schlummert1).” 
Jung sucht dann noch den Nachweis zu erbringen, daß ein 
solches urtümliches Bild wirklich in der Geistesgeschichte wirksam 
war. Er verweist dafür auf die primitivsten Religionen in den ver¬ 
schiedensten Gebieten der Erde, sogenannte dy na mis tische Reli¬ 
gionen, in denen eine allgemein verbreitete magische Kraft 
die Hauptrolle spiele. Taylor habe diese Auffassung irrtümlich 
als Animismus bezeichnet, treffend sei die Charakterisierung 
dieser Kräfte von Lovejoy als ,,primitive energetics”. Im Alten 
Testament finde man etwas Ähnliches in der magischen Kraft 
im brennenden Dornbusch des Moses und im Neuen 
Testament in der Ausgießung des Heiligen Geistes. 
Sodann weist er hin auf das „ewig brennende Feuer Heraklits, die 
Heimarmene, die Schicksalskraft der Stoiker und die Lehre von 
der Seelenwanderung, bei der es sich handle um eine unbe¬ 
schränkte Umwandlungsfähigkeit bei kon¬ 
stanter Erhaltung. 
Wir nehmen zu diesen Auffassungen von Jung, die in ein 
paar Jahren weltbekannt geworden sind, kritisch in folgender 
Weise Stellung: 
1. Wenn gesagt wird, daß diese Theorie das „eigentlich un¬ 
glaubliche Phänomen” erklärt, daß gewisse Sagenstoffe 
sich auf der ganzen Welt in identischen Formen wiederholen, so 
berücksichtig t man nicht in gehöriger Weise, daß die Lebens - 
umstände an den verschiedenen Stellen in der Welt, so different die¬ 
selben auch sein mögen, gewisse Ähnlichkeiten auf weisen, 
und daß auch die Natur der primitiven Menschen ohne Zweifel 
gemeinsame Züge hat. Aus diesen beiden Tatbeständen 
muß eine gewisse Übereinstimmung in den Sagenstoffen auf der 
ganzen Erde erwachsen. 
2. Was sodann den Hinweis darauf betrifft, daß gewisse Geistes¬ 
kranke die gleichen Bilder und Gedankengänge ,,reproduzieren” 
können, wie wir sie in den alten Texten kennen, so ist zu berück¬ 
sichtigen, daß bei einer Ausschaltung der höheren psychischen 
1) Jung: 1. c. S. 97 ff.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.