Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens
Person:
Störring, Gustav
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39662/173/
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens 
1297 
unbewußte Denkakte und unbewußte Willensvorgänge — und damit 
auch unbewußte Gefühls Vorgänge sieht. 
Wir wollen uns jetzt noch aus anderen Gebieten der Psycho¬ 
analyse zur Verteidigung der Existenz dieses Unbewußten bei¬ 
gebrachtes Material näher betrachten. 
Wir geben zunächst einen Fall von Pfister: 
„Ein 16jähriger Knabe leidet an mehreren Druckpunkten 
auf dem Kopf, die auf Fall, Prügeleien usw. zurückgehen. Der 
Vater, ein Lehrer, pflegte seinem Sohn beim Klavierunterricht 
Kopfnüsse auszuteilen, bis die schmerzhaften Stellen Einhalt 
geboten. Sofort nach Aufdeckung dieser Tatsachen (in psycho¬ 
analytischer Behandlung) ist der Schaden verschwunden, kehrt 
aber nach kurzer Zeit als hysterische Dornenkrone 
zurück. Es führte die Apperzeption des Symptoms auf den Dornen¬ 
gekrönten, dessen Passion der Patient in der Primarschule mit¬ 
leidsvoll gesehen hatte. Diese Identifikation sollte ihn in unver¬ 
dienten Verfolgungen trösten. In der nächsten Sitzung überraschte 
mich der Bursche mit einer Drucklinie, die, näher ins Auge gefaßt, 
die Erinnerung assoziierte: Schon oft sagten die Eltern zu mir: 
,Du bist ein sonderbarer Heiliger’. Der entlarvte Pseudomessias 
begnügt sich also mit einer etwas bescheideneren Bolle.” Pfister 
argumentiert bezüglich dieses Palles folgendermaßen: „Wer wollte 
nun annehmen, die Hirnzentren, welche die imaginären Dornen- 
stiche empfinden ließen, haben ohne psychische Vermittlung ihre 
Funktion an total andere abgegeben, welche die Empfindung einer 
Aureole hervorbrachten1)?” 
Zu dieser Verwertung des Falles möchte ich darauf hinweisen, 
daß auch bei Leugnung der Bealität unbewußten psychischen 
Geschehens nicht angenommen zu werden braucht, daß hier die 
Änderung der hysterischen Erscheinungen ohne psychische 
V ermittlung zustande gekommen sei. Die psychische Ver¬ 
mittlung sehe ich negativ darin, daß die Empfindung der Dornen¬ 
krone Christi von dem Analysanden als deplaciert erkannt wurde 
und positiv in der Vorstellung, dem Gedanken, daß man ihn oft 
als sonderbaren Heiligen bezeichnet habe. Für den 
Übergang der Vorstellung des sonderbaren Heiligen in die 
Empfindung des Heiligenscheines ist der sich mit dieser Vorstellung 
verbindende Affekt des unschuldig Sichverfolgtfühlens ver¬ 
antwortlich zu machen. Es zeigte sich uns ja früher, daß schon im 
normalen Seelenleben die Affekte im allgemeinen eine Steigerung 
der Intensität der Vorstellungen zustande bringen, an welche 
sie sich anschließen. Damit hängt auch zusammen, daß sporadische 
x) Pfister: Die psychoanalytische Methode. S. 38.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.