Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens
Person:
Störring, Gustav
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39662/149/
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens 
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einzelnen Fall von Fehlleistung kausal mit einiger Wahr¬ 
scheinlichkeit verständlich zu machen. Für kausale Feststellung 
kommt in Betracht der Weg von der Ursache zur Wirkung, der 
progressive Weg der Bestimmung, und der Weg von der Wirkung 
zur Ursache, der regressive Weg. Wundt hat die Behauptung auf¬ 
gestellt, daß der Komplexität des psychischen Geschehens einer 
Einzelpersönlichkeit wegen der Weg von der Ursache zur Wirkung, 
der progressive Weg, nicht gangbar sei. Man muß beachten, daß, 
auch wenn man alle psychischen Gesetze könnte, dieser Weg 
deshalb noch nicht gangbar wäre, weil man mit denselben 
doch noch nicht alle einzelnen psychischen Faktoren kennt, welche 
bei einem bestimmten Menschen in einem bestimmten Moment 
real sind ! 
Ich habe a. a. O. gezeigt, daß der Weg von der Ursache zur 
Wirkung, allerdings unter gewissen Bedingungen, gangbar ist, 
aber auch nur in diesen exzeptionellen Fällen1). 
Es bleibt dann der Weg von der Wirkung zur Ursache. Aber 
auch dieser Weg führt uns nicht immer zum Ziel. Voraussetzung 
für den Erfolg auch bei Kenntnis der allgemeinen Gesetze ist, 
daß die bei einem bestimmten Individuum in einem bestimmten 
Zeitpunkt ablaufenden psychischen Vorgänge nur eine relativ 
geringe Zahl sich übereinander lagernder Gesetzmäßigkeiten auf¬ 
weisen. Ich spreche hier von der Voraussetzung für die kausale 
Auflösung eines komplexen psychischen Einzelgeschehens. Diese 
Voraussetzung ist natürlich eine ganz andere als die Voraussetzung 
für die Aufdeckung allgemein psychischer Gesetzmäßigkeiten. 
Hierfür ist die Voraussetzung, daß wir es mit sogenannten „reinen“ 
Fällen zu tun haben, mit Fällen, in denen eine Gesetzmäßigkeit 
in die Erscheinung tritt, ohne von einer anderen Gesetzmäßigkeit 
überdeckt zu sein. 
Ungünstiger stellt sich natürlich noch die Möglichkeit der 
kausalen Erfassung eines komplexen psychischen Geschehens in 
dem Fall, den Freud setzt, daß unbewußte Absichten 
(und andre unbewußte Faktoren) eine bestimmende Bolle im 
psychischen Leben spielen ! 
Freud spricht in diesen allgemeinen methodologischen Be¬ 
stimmungen auch von V erifikation von Vermutungen aus 
der Untersuchung der psychischen Situation und gibt dann eine 
Beihe von „Belegen”. 
Einer der angeführten Belege lautet: 
„Eine Dame erkundigt sich bei ihrem Arzt nach einer gemein¬ 
samen Bekannten, nennt sie aber bei ihrem Mädchennamen. Den 
in der Heirat angenommenen Kamen hat sie vergessen. Sie gesteht 
1) Störring: Logik. S. 326.
        

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