Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens
Person:
Störring, Gustav
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39662/137/
Methoden der Psychologie des G-efühlslebens 
1261 
Bei Reproduktion stellten sich sofort Erscheinungen ein: 
In die gewöhnliche liegende Stellung gebracht, verblieb sie etwa 
vier bis fünf Minuten ruhig. Darauf beginnt bei ihr das Empfinden 
von Nadelstichen in den Knien: „es sei so, als ob jemand mich in die 
Knie mit Nadeln steche”. Im weiteren ergreift sie Schauer („leichtes 
inneres Zittern von den Beinen ab nach unten”); nach weiteren 
zwei bis drei Minuten verbreitete sich das Zittern auf den ganzen 
Körper; gleichzeitig stellte sich Kälteempfinden in den Fingern der 
beiden Hände und Füße ein ; die betreffenden Empfindungen wurden 
bald stärker, dann wieder schwächer. Währenddem blieb ihre 
Stimmung vollkommen ruhig; sie vermochte aber nicht anzugeben, 
ob die Empfindungen angenehm oder unangenehm seien oder nicht. 
Nach weiteren drei bis vier Minuten gesellten sich zu diesen Er¬ 
scheinungen, die allmählich sich verstärkten, ein krampfhaftes 
Zusammenfahren (Zusammenzucken) des ganzen Leibes, ferner 
sichtbares Zittern der Beine, Hebung des Bauches und Zähne¬ 
klappern. Auch dabei blieb ihre Stimmung immer noch ruhig; sie 
äußerte, sie wisse nicht, weshalb sie zittere, „ihre Knie heben 
sich ganz willkürlich ...” 
Bald darauf kam ein Umschwung in der Stimmung, sie wurde 
unruhig und erklärte das selbst in dem Sinne: „die Nerven be¬ 
herrschen sie, sie wollte auf springen und weglaufen, es werde 
ihr übel ...” Diese unruhige, gespannte Stimmung legte sich bald 
und trat dann von neuem auf, indessen dauerten die körperlichen 
Manifestationen immer noch weiter. 
Nach weiteren vier bis fünf Minuten wurde ihre Stimmung 
äußerst qualvoll. Sie konnte sich erinnern, daß sie Derartiges schon 
einmal in Dresden erlebt habe, und sie reproduzierte die Ereignisse 
daselbst. Es erwies sich, daß sie bereits 1924 einen ähnlichen 
starken Anfall mit Hände- und Beinzittern, Zähneklappern, wobei 
noch ein Zittern der Lippen hinzukam, erlebt hatte. Sie war 
damals ganz allein im Hotelzimmer und weiß keinen Grund für 
die Krise, die sie damals befiel, anzugeben. 
Nachdem die Patientin noch weitere, d. h. frühere Krisen 
vom Jahre 1915 und eine noch weiter abliegende im Alter von 
zehn Jahren auf getretene, reproduziert hatte, verlor sie das Be¬ 
wußtsein und reproduzierte halluzinatorisch unter starkem Angst- 
und Qualgefühl folgendes Erlebnis, das sich ereignete, als sie vier 
Jahre alt war. 
Sie wurde damals von irgendeinem Schustergesellen über¬ 
fallen, der sie in einen Keller schleppte, um sie zu vergewaltigen. 
Das Kind sah mit Entsetzen das ihm zugesteckte erigierte Ge¬ 
schlechtsorgan, begann krampfhaft zu weinen, zu schreien, zu 
zittern und mit den Zähnen zu klappern. Von dieser Zeit an hat 
sie einen Abscheu vor den Männern überhaupt.
        

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