Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens
Person:
Störring, Gustav
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39662/11/
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens 
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Uns interessieren hier in erster Linie die psychopathologischen 
Tatbestände. Wenn allerdings Lange sagt, daß nach der Art der 
krankhaften Störung des vasomotorischen Systems ein patho¬ 
logischer Angst- oder ein pathologischer Zornaffekt entstehe, so 
1st diese Betrachtungsweise wenig vorteilhaft. Von grundlegender 
Bedeutung ist dagegen die Betonung des Vorhanden¬ 
seins vonAngst- undZornaf f ekten ohneObjekt. 
Es gibt eben eine pathologische Angst, in der das Individuum 
Angst hat, ohne Angst vor irgend etwas, zu haben und ebenso 
einen pathologischen Zorn, der sich nicht gegen jemand richtet ! 
Diese Tatsachen kann die alte Theorie sich nicht verständlich 
machen: die durch eine Wahrnehmung oder einen Gedanken aus¬ 
gelöste Angst gibt der Angst ihr Objekt ! 
Angst ohne Objekte findet man auch bei Neurasthenikern 
auftreten. Der intelligente Neurastheniker kann diese Angst mit 
der normalen, durch Gedanken oder Wahrnehmungen ausgelösten 
Angst vergleichen und erkennt sie als qualitativ damit überein¬ 
stimmend. 
Es ist zweckmäßig, hier auch auf eine Erfahrung hinzuweisen, 
die jeder Psychiater häufig bei Patienten mit Affektzuständen macht, 
die sich auf einen Arzt oder eine Pflegerin oder einen Pfleger be¬ 
ziehen. Wenn solche Patienten in eine andere Klinik verlegt 
werden, so können diese Affektzustände nach einiger Zeit ihr 
Objekt verlieren, um nach längerer Zeit in der neuen Umgebung 
wieder ein Objekt zu finden. 
Noch wichtiger erscheint mir folgende Beobachtung. Bei 
Kranken mit Melancholie findet man beim Abklingen der Er¬ 
krankung, daß sie wochenlang und monatelang morgens an patho¬ 
logischer objektloser Angst oder Angst mit Objekten leiden, abends 
aber von Angst und melancholischen Ideen völlig frei sind. Sie 
wundern sich abends darüber, daß sie am Morgen Angst und ,,so 
törichte Ideen” gehabt haben. Am nächsten Morgen tritt aber 
dieselbe objektlose Angst oder die Angst mit Objekten wieder auf. 
Hier muß man sich doch fragen : weshalb sollen gerade 
immer nur morgens monatelang diese Angst¬ 
zustände auftreten? Hier muß man orga¬ 
nische Faktoren für die Angst verantwort¬ 
lich machen; die Angst gewinnt dabei se¬ 
kundär ihre Objekte. Hier sind natürlich 
auch solche Fälle beweiskräftig, wo dieAngst 
ihr Objekt hat! 
Wir sind aber weit entfernt davon, auf Grund solcher Tat¬ 
bestände behaupten zu wollen, was Lange aus jenen Tatbeständen 
folgert, daß die Affekte nichts anderes seien als eine Summe 
von Organempfindungen. Bei dieser Auf-
        

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