Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Methoden der Psychologie des Gefühlslebens
Person:
Störring, Gustav
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39662/108/
1232 
Gr. Störring 
hängigen Urteile den Charakter der Un¬ 
korrigierbarbeit tragen. Auch wenn man den Kranken 
das nicht berücksichtigte Material znr Benrteilnng herbeibringt, 
tritt keine Korrektur des Urteils ein. Jener Reisende, der das 
Rundschreiben des Chefs der Spesen wegen auf sich bezog, ließ 
sich davon nicht abbringen, obgleich ihm sein Chef das nötige 
Material für andere Deutung dieses Tatbestandes darbot. Er 
blieb bei seiner mißtrauischen Deutung. Mit der mißtrauischen 
Deutung des Tatbestandes verbindet sich also ein abnorm ge¬ 
steigertes Bewußtsein der realen Gültigkeit des so Gedachten. 
Wovon ist dies Phänomen abhängig ? Es läßt sich bei seiner 
abnormen Intensität nur die abnorme Intensität des emotionellen 
Faktors dafür verantwortlich machen. 
Die YorstellungsVerbindung, welche die von den Kranken 
gewählte Deutung darstellt, verbindet sich mit einem Gefühls - 
zustand gleichen Charakters, wie ihn die Verstimmung an sich trägt. 
Infolgedessen muß, sobald diese Vor¬ 
stellungsverbindung einmal gegeben ist, 
durch die Vorstellung des zu deutenden Tat¬ 
bestandes bei der vorhandenen Stimmungs¬ 
lage sich dem Bewußtsein des betreffenden 
Individuums diese Deutung im Gegensatz 
zu den anderen aufdrängen. Von diesem ab¬ 
normen Sichaufdrängen der einen Deutung 
im Gegensatz zu anderen muß das abnorm 
starke Bewußtsein der realen Gültigkeit 
des in dieser Vorstellungsverbindung Ge¬ 
dachten abhäng en. 
Kach der Entwicklung meiner Theorie der Genesis para¬ 
noischer Wahnideen will ich vor der kritischen Behandlung einer 
kürzlich aufgestellten Paranoiatheorie mit einigen Worten noch 
auf eine Auffassung der Genesis solcher Wahnideen eingehen, 
die von Wernicke geäußert ist. Diese Hypothese soll zugleich das 
tiefere Verständnis für das Wesen aller Geisteskrankheiten geben. 
Er knüpft seine Auseinandersetzung an die Besprechung eines 
Kranken an, der abstruse Wahnideen bei erhaltener Besonnen¬ 
heit entwickelt. 
Er sagt, wie ist es möglich, „daß in demselben Kopfe neben¬ 
einander eine solche Unmasse falscher Vorstellungen und von 
Urteilen, die sowohl untereinander als mit der Wirklichkeit in 
so großem Widerspruch stehen, bestehen können, und zwar bei 
wohl erhaltener formaler Logik, anscheinender Besonnenheit und 
im ganzen richtiger Auffassung der Situation ? Kun, meine Herren, 
der Tatsache gegenüber, die doch nicht zu leugnen ist, und nach 
der Entstehungsgeschichte des augenblicklichen Zustandes kann
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.