Bauhaus-Universität Weimar

Psychologie der Arbeitshand 
917 
unterlegen, wenn die Arbeitshand als Dominanzfunktion „Auf¬ 
merksamkeitsspaltung” bedingt oder „Differenzierung” der Tast- 
wabrnehmung anderer Form. Das zeigt sieh bei den hohen Aus¬ 
schußziffern überall, wo Farbige Sortiertätigkeiten, selbst bei 
Naturprodukten (Früchte, Rohr usw.) rein manuell zu vollziehen 
hatten und wo sie leicht aus Insuffizienz in der Handleistung ab- 
fallen. Andrerseits ist es möglich, daß Naturvölker auf gewohnten 
Gebieten uns überlegen sind, genau so wie sie in der optischen 
Fernsicht erfolgreicher bleiben, ohne indessen bei komplizierter 
optischer Gestaltwahrnehmung unmittelbar uns vergleichbar zu 
sein. Zu den manuellen Tätigkeiten rechnen hierher viele Haus¬ 
gewerbe, vor allem also Frauenarbeit, dann Handfunktionen 
beim Reiten, der Jagd und dem Fischen. Diese grundsätzlichen 
Andeutungen müssen uns genügen. Daß bei entsprechender 
Dominanzfunktion der Naturmensch wiederum versagen kann, 
erweisen die Untersuchungen an Negerzeichnungen und an der 
optischen Weltdarstellung durch die Hand überhaupt1). Damit 
kommen wir zugleich auf einen zweiten Fall. 
ß) Historische Entwicklungsstudien. 
Man kann nämlich grundsätzlich von den Naturvölkern die 
Entstehung der Handarbeiten ableiten und so die technologische 
wie manuelle Quelle handwerklichen Tuns auf suchen. Damit 
würde man Gesichtspunkte der beschreibenden Kulturgeschichte 
einführen, um etwa die manuellen Bearbeitungen des Kupfers, 
des Goldes, der Kleider oder sonst irgendeines Materials darzu¬ 
stellen. Es ist verständlich, daß eigentlich jede anatomische 
Betrachtungsweise der Naturvölker und jede anthropometrische 
Untersuchung diese Beziehung zwischen kultureller Arbeitstätig¬ 
keit und Skelett- oder KörperentWicklung berücksichtigen muß. 
Hierbei haben die Darstellungen von Verworn2) und anderen 
dann auch den ungeheuren Einfluß der Wandlungen des Urbildes 
in der reproduktiven Technik vor Augen geführt. Bezogen auf 
Zeichnungen muß man also zum Schlüsse kommen, daß die 
Kopie des Originals zu erheblicheren Wandlungen führt. Daher 
wird man also bei Untersuchung irgendeines Musters die Mög¬ 
lichkeit der Kopiewandlung sich klar machen müssen, also 
gegebenenfalls die Unmöglichkeit, aus der Vorlage auf die zeich¬ 
nerische Funktion der Arbeitshand der vergangenen Epoche 
zu schließen, einsehen. Man kann demnach methodisch zweierlei 
b Franke: Geistige Entwicklung der Negerkinder. Leipzig 1915. 
2) Verivorn: Psychologie der primitiven Kunst. Jena 1917; Kühn: Kunst 
der Primitiven. München 1924; Malerei der Eiszeit. München 1924; Einstein: 
N egerplastiken. München 1922. 
60*
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.