Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 2
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39656/91/
Das Ideal- mul das Naturalistisch-Schöne. 
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von dem Form- und Geistig - Schönen nicht fest Es verfliessen bei 
ihnen beide Besonderungen des Schönen in einander; das Charakte¬ 
ristische wird oft auf den Inhalt des Schönen allein beschränkt, oder 
wenigstens in dem Sinne des »Geistig-Schönen« genommen. Daraus er¬ 
klärt sich das Schwankende und Unbefriedigende, was in Göthe’s und 
Anderer Aussprüchen über die Kunst enthalten ist. 
22. Friedrich v. Schlegel sondert das Schöne in das Ob¬ 
jektive und Interessante, während Schiller das letztere das 
Sentimentale nennt. Die von den antiken Künstlern dargestellte 
Schönheit soll die objektive sein; hier sei es »der allgemein gültige 
»Gegenstand eines uninteressirten Wohlgefallens, welches von dem 
»Zwange des Bedürfnisses und des Gesetzes gleich unabhängig, frei 
»und dennoch nothwendig, ganz zwecklos und dennoch unbedingt zweck- 
»mässig sei; während das »Interessante« nach dem Sinken der 
»Bildung der Alten und nach dem Verlust der vollendeten Form ein 
»Streben nach unendlicher Realität enthält, und dabei individuelle 
»Empfänglichkeit und momentane Stimmung bei dem Beschauer vor- 
»aussetzt.« — Man bemerkt deutlich, wie hier das Objektive- und 
das Sentimentale-Schöne aus einer unklaren Vermischung des Ideal- 
und Naturalistisch-Schönen mit dem Form- und Geistig-Schönen ent¬ 
sprungen ist, von dem im nächsten Abschnitt gehandelt werden wird. 
23. Auch Schlegel kämpft hier, wie so viele Neuere gegen 
das Ueberwiegen des Geistig-Schönen in der modernen Zeit. Indem 
sein Geschmack an dem antiken Schönen sich gebildet hatte, ist ihm 
die gerechte Würdigung des Geistig-Schönen unmöglich und sein Ideal 
liegt ebenso, wie bei Vis eher in einem wiederkehrenden Ueberge- 
wicht des Form-Schönen. Deshalb soll nach Schlegel die Herrschaft 
des Interessanten nur eine vorübergehende Krisis der Kunst sein, 
bestimmt, sich einmal selbst zu vernichten. (SchlegeFs Werke. V. 28.) 
24. Die Wirkung dieses Ideal- und Naturalistisch-Schönen 
auf den Beschauer entspricht der Art ihres Seelischen. Deshalb ist 
die Wirkung des Naturalistischen stärker, lebhafter, hinreissender; 
die Gewalt der dargestellten Leidenschaften erweckt die idealen Ge¬ 
fühle in ähnlicher Stärke. Das Ideale dagegen lässt kälter, erschüttert 
das Gleichgewicht des Seelischen im Zuschauer nicht. Sein Reiz liegt 
in der Harmonie, die über allem Besondern schwebt und alle Extreme 
mindert; diese Harmonie theilt sich in idealer Weise auch dem Be¬ 
schauer mit. 
25. Deshalb lieben die niedern Stände das Naturalistische, die 
Posse, die Ritter- und Räuberromane, die Schilderungen scheusslicher 
Verbrechen. Die gebildeten Stände neigen dagegen dem Idealen zu,
        

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