Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 2
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39656/6/
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Der Begriff des „Erhabenen. 
in diesen Gefühlen nur mit sich beschäftigt; fühlt nur sich selbst; 
sein Dasein nimmt damit an Stärke zu; der Mensch meint in Ver¬ 
gleich mit andern Zeiten nur in solchen gelebt zu haben, wo diese 
Gefühle ihn lebhaft erfüllt haben. Deshalb gilt die leidenschaftliche Liebe 
mit ihrer starken Lust und Qual als die Zeit des höchsten Lebens, 
des höchsten Seins ; deshalb hat die Jugend eine höhere Lebendigkeit 
als das Alter; deshalb gilt das alltägliche Leben, wenn man es hinter 
sich hat, wie ein Traum, und nur die Zwischenfälle mit tiefen Ge¬ 
fühlen bilden die hellen Stellen, wo der Mensch wirklich gelebt zu 
haben meint, wo die Erinnerung lebendig und alles Andre darauf be¬ 
zogen ist, 
4. Alle Kräfte der Seele werden durch diese Lust- und Schmerz¬ 
gefühle höher gespannt, und wenn es auch nicht zu deren Gebrauch 
kommt, so weiss doch der Mensch, dass in diesen Zuständen sie ihm 
in höherm Maasse zu Gebote stehen. Die ganze Welt hat in solchen 
Gefühlszuständen nur Beziehung auf das Ich; das Ich ist das herr¬ 
schende, bestimmende; seine Lust, sein Schmerz ist das Maass, nach 
dem Alles, Menschen und Sachen gemessen werden; sie kommen 
sämmtlieh nur als Ursachen dieser Gefühle in Betracht. Nicht blos 
die Freude und die Lust steigert das Dasein des Menschen, sondern 
auch sein Schmerz. Der Schmerz ist keineswegs eine Verminderung 
oder Schwächung des Daseins, wenn er auch später nachtheilige Folgen 
für die Gesundheit haben kann; als blosser, gegenwärtiger Schmerz 
ist das Ich in ihm eben so stark lebendig, wie in der Lust, und die 
Kräfte werden meist von dem Schmerz stärker wachgerufen, als von 
der Lust. 
5. Im geraden Gegensatz zu diesen Lust- und Schmerzgefühlen 
stehen die Gefühle der zweiten Klasse, die der Achtung, wie sie, 
in Ermangelung eines bessern umfassenden Wortes, bezeichnet worden 
sind. Zu ihnen gehört das Staunen, die Bewunderung bei grossen 
Naturereignissen, bei dem Anblick mächtiger Naturkräfte; das Staunen 
und Schaudern bei dem ungezähmten Ausbruch der Leidenschaften 
ausserordentlich begabter Menschen ; die stumme Unterwerfung unter 
den Gang des unerbittlichen und unergründlichen Schicksals ; die Ehr¬ 
furcht vor den sittlichen Autoritäten; die Andacht in der Verehrung 
Gottes; die Ehrfurcht und sittliche Beugung vor den Geboten der 
Gottheit oder des Königs oder vor dem betäubenden Willen des ganzen 
Volkes. Es gehört dahin die scheue Ehrfurcht, mit der die unmündi¬ 
gen Kinder dem strengen Gebote des Vaters gehorchen; endlich die 
Achtung gegen uns selbst und gegen Andre, insoweit in dem Handeln 
die Vollziehung jener Gebote der sittlichen Autoritäten erkannt wird.
        

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