Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 2
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39656/363/
Die Wirkung des verzierenden Schönen. 
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dung von Gleichnissen (Parabeln), Räthseln und Sinnsprüchen (Epi¬ 
grammen). Am deutlichsten sind diese Wirkungen bei dem Feuilleton- 
Styl, in dem das ideale Element bedeutend gesteigert ist und dadurch 
selbst streng kritische Aufsätze mit dem Duft des Schönen, freilich 
leicht auf Kosten der Wahrheit, umgiebt. 
7. Die letzte Art der Wirkung, die Verfeinerung des realen 
Gefühles durch Annäherung an das ideale zeigt sich bei den Gelegen¬ 
heitsgedichten zu Festen im öffentlichen und privaten Leben. Wenn¬ 
gleich diese Gedichte in der Regel nicht über das verzierende Schöne 
hinauskommen, so enthalten sie doch manches elementare Schöne; ins¬ 
besondere dienen die Gleichnisse, die entfernten Beziehungen, zu wel¬ 
chen diese Gedichte meist genöthigt sind, dazu, das reale Gefühl aus 
seiner Vereinzelung und Stofflichkeit zu erheben und dem idealen zu 
nähern. 
8. Am deutlichsten tritt diese Wirkung bei schmerzlichen 
Gelegenheiten auf. Auch wenn der Leidende kein Künstler ist, ge¬ 
währt doch seine halbpoetische, seinen Kräften entsprechende Schil¬ 
derung seines Schmerzes im Gespräch oder in Briefen ihm eine ähn¬ 
liche Milderung, wie das wirkliche Kunstschöne. Dasselbe gilt von 
den verzierten Trostreden und Trostbriefen der Freunde. Die gleiche 
Wirkung übt die Trauerkleidung. Indem sie mit den realen 
Zwecken der Kleidung überhaupt das Bild des Schmerzes verbindet, 
gehört sie zu dem verzierenden Schönen und übt, indem der Leidende 
seinen Schmerz verbildlicht sieht, an ihm eine mildernde, an das Ideale 
anstreifende Wirkung. Dies ist die wahre Bedeutung der Trauer- 
Kleidung. Eine ähnliche Wirkung zeigt die Trauer musik der 
Märsche und Choräle, der Trauergesang der Gemeinde bei Leichen¬ 
begängnissen und Todtenfeiern. Der reale Schmerz erhält sein Gegen¬ 
bild in den Verzierungen der Musik und wird damit der mildern 
Form des Idealen genähert. 
9. Die Darstellung des verzierenden Schönen ist hiermit so weit 
geschehen, als sie in die Philosophie des Schönen gehört. — Der Werth 
des verzierenden Schönen wird gegenwärtig lebhafter, wie früher, erkannt; 
in allen Staaten werden Museen und Schulen gegründet, welche aus¬ 
schliesslich der Reinigung, Veredelung und Verbreitung des verzie¬ 
renden Schönen gewidmet sind. Es beginnt jetzt in steigendem Maasse 
eine Entwicklung, welche die idealen und realen Gebiete des Daseins 
einander zu nähern und immer enger und umfassender zu verbinden 
sucht. Das Schöne dringt immer weiter in die reale Welt ein und 
das Reale sucht immer mehr seine grobe Natur vom sich abzuthun 
und mit dem Glanz und dem Duft des Idealen sich zu umhüllen.
        

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