Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 2
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39656/360/
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Die Besonderung des verzierenden Schönen, 
Die Schelling-Hegel sehe Philosophie hat dadurch selbst in ihrem Inhalte 
eine Verwandtschaft mit der Poesie erhalten. 
41. Der Gegensatz der Vernunft gegen den Verstand, der 
in dieser Philosophie so stark betont wird, ruht im letzten Grunde 
auf dieser poetischen Verzierung, welche dem Allgemeinen beigefügt ist. 
Was Hegel Vernunft nennt, ist eine gewaltsame Zusammenpressung 
des bestimmten und verständigen Denkens mit dessen Gegensätzen, wie 
sie in dem Anschaulichen und in den Gebilden der schöpferischen Thätig- 
keit der Phantasie bestehen. Deshalb sind die Erzeugnisse dieser 
Vernunft bald eine Häufung von Allgemeinem und sich Widerspre¬ 
chendem, welche abstösst, bald eine hochpoetische Auffassung des 
Wirklichen, welche durch ihre Schönheit für jenen Unsinn entschädigt 
und immei von Neuem zu ihm zurücktreibt, indem man, durch diesen 
poetischen Theil verleitet, hofft, durch Beharrlichkeit noch eine tiefe 
Weisheit aus ihm entziffern zu können. Auch bei Vischer ist diese 
Mischung vorhanden ; die lebendige, plastische Darstellung des Beson- 
dern in seiner Aesthetik entschädigt für die Unfassbarkeit und Ge¬ 
waltsamkeit in der Behandlung der obersten Grundsätze; durch seine 
lebendige, kiäftige Ausdrucksweise wird \ is eher nur zu oft zu dem 
Glauben verleitet, die Schwierigkeiten gelöst zu haben, welche der 
Gegenstand enthält. 
42. Aus der Verbindung des Dichterischen mit dem Wissen¬ 
schaftlichen hat sich durch Verstärkung des ersteren Elementes der 
sogenannte Feuilleton-Styl gebildet. Die Essay’s der Engländer 
machten den maassvollen Anfang; bei den Franzosen hat sich dann 
dieser Styl vollständig entwickelt und von dort auch in Deutschland 
eingebürgert. Der reale Zweck der Belehrung liegt hier wohl noch 
\oi, allein das Ideale ist schon so selbstständig geworden, dass dieser 
reale Zweck ihm oft weichen muss. Dieser Styl wird jetzt vorzüglich 
für Beschreibung der Reisen und der Tagesereignisse in den Jour¬ 
nalen benutzt. Ein realer Inhalt von geringer Bedeutung passt am 
besten zu dieser tändelnden Behandlung des Stoffes, bei der man nicht 
weiss, ob die Form oder der Inhalt es ist, der unterhält. Wo der 
Inhalt bedeutend wird, oder es sich um wissenschaftliche Aufgaben 
handelt, wird dieser Styl zu einem Fehler, der deshalb auch bei 
Humboldts Kosmos getadelt werden muss, obgleich das Werk diesem 
Styl wesentlich seine grosse Verbreitung und Anerkennung verdankt. 
43. Innerhalb der gebildeten Klassen hat sich diese verzierende 
Wiikung der Dichtkunst auch auf den Ton der Mittheilung, der Unter¬ 
haltung und der Aeusserung der Gedanken überhaupt ausgedehnt 
Sowohl das Gespräch, wie der briefliche Verkehr ist dadurch bildlicher,
        

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