Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 2
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39656/344/
340 
Der Begriff und die Gesetze des verzierenden Schonen. 
Kunstschönen und dem verzierenden Schönen. Die Kunstwerke gehen 
allmählig in das blos verzierte Reale über und umgekehrt. Das 
Schwanken der Gränze im Einzelnen giebt aber kein Recht, die Be¬ 
griffe von Beiden zu vermengen und die Gesetze zu vernachlässigen, 
welche aus den Begriffen in ihrer Reinheit hervorgehen. 
8. Insbesondere ist es ein Irrthum Vischer’s, wenn er die Schau¬ 
spielerkunst zu dem verzierenden, oder wie er es nennt, zu dem 
anhängenden Schönen rechnet. Der Schauspieler dient nur dem Idealen ; 
er verfolgt keinen realen Zweck; seine Thätigkeit gehört daher auch 
nur der Kunst an. Es ändert darin nichts, dass er nicht der Schöpfer 
des ganzen, im aufgeführten Drama dargestellten Kunstwerkes ist. 
Das Kunstwerk als solches wird dadurch, dass mehrere an seiner Er¬ 
zeugung Antheil haben, in seinem Werthe nicht geändert. Der Dichter 
bietet das dichterische Bild; der Schauspieler fügt die musikalischen 
und plastischen Bilder, die Elemente der Aufführung hinzu; in Bezug 
auf diese Elemente ist seine Thätigkeit eine ebenso schöpferische, wie 
die des Dichters. Aehnliches gilt für den ausführenden Virtuosen in 
der Musik, für die mehreren Dichter, welche gemeinsam ein Drama 
schreiben und überhaupt für alle, welche ihre künstlerische Thätigkeit 
zur Herstellung eines gemeinsamen Kunstwerkes vereinigen. Solche 
Thätigkeit bleibt immer innerhalb der Kunst und kann nie dem ver¬ 
zierenden Schönen zugezählt werden. 
9. Von den Gesetzen des verzierenden Schönen sind hier nur 
die allgemeinsten hervorzuheben. Das erste ist, dass das Schöne die 
' reale Natur des Gegenstandes nicht ganz verdecken und verhüllen 
und zu der Täuschung Anlass geben darf, als habe man es mit einem 
freien Kunstschönen zu thun. Es geschieht dies z. B. mit Wanduhren, 
deren Zifferblatt völlig in einem Oel-Gemälde verhüllt ist und in 
diesem z. B. das Zifferblatt eines Thurmes bildet. Es geschieht dies 
mit kleinen Behältern, welche die Gestalt einer Statuette haben und 
dabei noch das widerliche Schauspiel bieten, dass man bei ihrem 
Aufmachen den menschlichen Körper halbirt. Es geschieht mit Bitt¬ 
schriften, in Form eines Gedichtes. Das Widerliche aller äusserlichen 
Gelegenheitsgedichte, die nur zu dem verzierenden Schönen gehören, 
hängt mit der Verletzung dieses Gesetzes zusammen. 
10. Ein anderes Gesetz ist, dass das Schöne den realen Ge¬ 
brauch nicht zu sehr erschweren und unbequem machen darf. Das 
Unvollkommene und Elementare des verzierenden Schönen wird nur 
ertragen und nicht peinlich empfunden, wenn man sieht, dass es einem 
Realen dienen und sich nicht frei entfalten will. Aber dazu gehört, 
dass dies Verhältnis erkennbar bleibe. Geschieht dies nicht, so treten
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.