Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 2
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39656/322/
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Die erste Periode der Kunst. 
und dabei eine gewisse Aehnlichkeit mit einander zeigen. Die erste 
beginnt mit den ältesten Zeiten der Völker, insbesondere im Orient 
ufid Aegypten, durchläuft die Zeit der Griechen und Körner und endet 
mit dem Untergänge des weströmischen Kaiserreiches. Die zweite 
beginnt mit dem Mittelalter und geht bis zur Gegenwart. 
3. Da die ideale Welt des Schönen auf den ihr allein zuge¬ 
hörigen idealen Gefühlen ruht und diese sich von den realen ab¬ 
trennen, aus welchen die realen Gebiete der Geschichte ihre Bewegung 
empfangen, so wird der Zusammenhang zwischen beiden Gebieten 
weniger eng sein und die Geschichte des Schönen wird in mancher 
Hinsicht eine grössere Selbstständigkeit zeigen, als in den übrigen realen 
Gebieten besteht. Als besonders wichtig für die Geschichte des Schönen 
wird sich die Stärke und das Verhältniss der idealen Gefühle eines 
Volkes zu seinen realen herausstellen. Dieses Verhältniss ist nicht 
bei allen Völkern dasselbe gewesen, und schon hieraus wird sich ein 
unteischiedener Gang in der Geschichte des Schönen ergeben. 
4. Das Vorwiegen der idealen Gefühle bei einem Volke ist tlieils 
eine Folge glücklicher realer Zustände, welche es des fortwährenden 
Kampfes mit der Noth des Lebens überheben und den feineren Ge¬ 
fühlen Raum zur Entfaltung gestatten ; theils muss dies Vorwiegen 
als eine ursprüngliche Anlage einzelner Stämme anerkannt werden, 
deren weitere Ableitung der Wissenschaft wegen des Dunkels der Vor¬ 
zeit unmöglich ist. Dieses Ueberwiegen des Idealen zeigt sich bei 
den Indern im Gegensatz zu den Persern 5 bei den Aegyptern im 
Gegensatz zu den Syrern; bei den Griechen im Gegensatz zu den 
italischen Völkerschaften. Die den Gegensatz bildenden Völker zeigen 
dafür eine kräftigere Entwicklung im Realen, welche sie zur Herr¬ 
schaft über die mehr in dem Idealen lebenden Völker erhebt. 
5. Dieser Gegensatz darf aber nicht so weit ausgedehnt werden, 
dass der Sinn für das Ideale einzelnen Völkern ganz fehlen könnte; 
vielmehl ei scheinen die idealen Gefühle als ein unabtrennbares Moment 
der Seele, was sich bei jedem Volke findet. Selbst Stämme, die noch 
auf der niedrigsten Stufe der Entwicklung stehen und noch in stetem 
Kampfe um ihr Dasein befangen sind, bringen es doch zu dem ver¬ 
zierenden Schönen. Selbst der Eskimo verziert sein Boot und seine 
Pfeile und die australischen Wilden schmücken sich mit Federn und 
Blumen. 
6. Die weitern Gesetze, wie sie sich aus der Beobachtung er¬ 
geben, werden sich am besten nach den Bestimmungen des Schönen 
ordnen. Es ist zunächst der Inhalt des Schönen, dessen geschicht¬ 
liche Bewegung hervortritt. Am Inhalt zeigt sich der Zusammenhang
        

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