Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 2
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39656/313/
Die Geschichte überhaupt und ihre Gesetze. 
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ableiten will, wie die naturalistische Auffassung; welche diese Bewegung 
nur aus der Beschaffenheit des Landes oder aus dem einen Natur¬ 
prinzip ableiten will. Beide Mächte haben vielmehr gemeinsam die 
Bewegung bestimmt, und da der Unterschied beider Mächte in ihnen 
selbst sehr mannichfach sich gestaltet, so erhellt schon hieraus, dass 
die geschichtliche Entwicklung der Völker unter kein einiges Prinzip 
befasst werden kann, wenn man nicht eine grosse Zahl von That- 
sachen und Völkern bei Seite schieben und als angeblich ausserhalb 
der Idee stehend, unbeachtet lassen will. 
23. Allein auch diese zwei Mächte reichen noch nicht zu, den 
Gang der Geschichte zu erklären. Es tritt neben ihnen noch eine 
dritte bewegende Macht in den Personen auf, welche durch ihre 
weit über die Masse hervorragenden Kräfte des Geistes und Cha¬ 
rakters den in dem Volke unbestimmt wogenden Kräften die Leitung 
und bestimmte Entfaltung geben. Diese grossen Männer treten nicht 
blos in dem politischen Gebiete der Geschichte auf, sondern ver¬ 
mitteln ebenso den Fortschritt in den Gebieten des Wissens, der 
Güter, des Sittlichen und der Religion. 
24. Dieser persönliche Faktor in der geschichtlichen Bewegung 
ist früher von der Geschichtswissenschaft überschätzt worden; sein 
Auftreten ist äusserlich erkennbarer, als das der allgemeinen Mächte. 
Neuerlich ist er dagegen unterschätzt worden; man will die grossen 
Männer nur als das noth wendige Erzeugniss jener allgemeinen Mächte 
anerkennen ; sie sollen „nur aus der Idee hervorgehen und nur in 
dem Dienste der Idee stehen, nur das Werkzeug derselben sein. 
25. Allein eine sorgsame Betrachtung der Thatsachen, wie sie 
der realistischen Philosophie zukommt, lehrt, dass diese grossen 
Männer zwar in vieler Beziehung von jenen allgemeinen Mächten be¬ 
stimmt worden sind, dass aber daneben immer ein Theil ihrer Wirk¬ 
samkeit als ein, ihnen eigenthümlicher gelten muss, der aus jenen 
Mächten nicht abgeleitet werden kann. Es mag sein, dass für ein 
höchstes allumfassendes Wissen auch die ganze Persönlichkeit dieser 
Männer sich als Erzeugniss regelmässig wirkender Kräfte darstellt ; 
allein die menschliche Erkenntniss reicht niemals so weit und es bleibt 
deshalb in dem Auftreten und in der Persönlichkeit dieser, die Ge¬ 
schichte bestimmenden Männer für die menschliche Wissenschaft ein 
Moment des Zufälligen, welches sie niemals im Stande sein wird, 
ganz zu beseitigen. 
26. So erscheint die Entdeckung Amerika’s am Ausgange des 
Mittelalters allerdings als eine Folge der allgemeinen geschichtlichen 
Entwicklung der Völker Europa’s. Allein dass gerade Kolumbus im
        

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