Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 2
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39656/303/
Die Vorbedingungen der Erzeugung des Schönen. 
299 
dingung für den grossen Künstler gewesen, und selbst die Armuth 
hat das Genie zu überwinden vermocht; nur die kleinern Talente 
gehen darüber zu Grunde. Akademien und Konservatorien sind be¬ 
reits oben gewürdigt; wichtiger sind die Museen, in denen die Werke 
der bildenden Kunst leicht zugänglich gemacht sind. Auch der Ver- j 
kehr mit andern Künstlern und mit der Welt und deren hervor- j 
ragenden Männern und Frauen ist für den Künstler von grosser Be- j 
deutung in Bezug auf seine Auffassung des Realen und die Wahl | 
seiner Motive. Deshalb sind die grossen Städte der beste Ort für / 
Dichter und Künstler. Göthe hat unzweifelhaft durch Weimar gelitten. ) 
23. Eine sehr verbreitete und von den Systemen viel verfochtene 
Ansicht verlangt als Bedingung für die Entfaltung der Kunst vor 
Allem die politische Freiheit der Nation. Die Geschichte be¬ 
stätigt indess, obgleich man sich auf sie beruft, diese Ansicht nicht. 
Die Gedichte Homer’s sind an den Küsten Kleinasiens zu einer Zeit 
entstanden, wo das patriarchalische Königthum gebrochen war und die 
Tyrannei Einzelner oder die despotische Herrschaft des Adels die 
Freiheit niederdrückte. Die besten antiken Werke der Plastik, die 
sich nächst den Skulpturen am Parthenon und einigen andern erhalten 
haben, stammen aus der Zeit der römischen Kaiser von August bis 
Hadrian. Die grossen Bauwerke der Römer, welche einen bedeutenden 
Fortschritt in dieser Kunst darstellen, sind zu derselben Zeit ent¬ 
standen. 
24. Die grossen Dichtungen und Bauwerke des Mittelalters 
stammen aus der Zeit, wo ein wilder Kampf zwischen den geistlichen 
und weltlichen Fürsten, zwischen Lehnsherren und Vasallen, zwischen 
Adel und Städten den regelmässigen Zustand der Gesellschaft bildete 
und die ärmeren Klassen unter hartem Druck zu leiden hatten. Das¬ 
selbe gilt für die Blüthezeit der Malerei in Italien. Die grossen Dra- 
men der Spanier und Shakespeare’s sind zur Zeit der despotischen 
Herrschaft Philipp’s II. entstanden, wo die Freiheiten der Nation, die 
Rechte der Cortez gebrochen wurden, und zurZeit der Elisabeth, wo 
das englische Parlament sich in der servilsten Weise zum Werkzeug 
der Krone hergab. Lessing, Göthe, Schiller, Sebastian Bach, Händel, 
Haydn, Mozart haben ihre Werke zu einer Zeit geschaffen, wo zwar 
das Verlangen nach Freiheit erwacht war, aber in der Wirklichkeit 
die absolute Fürstengewalt die drückendste und widrigste Gestalt ange¬ 
nommen hatte. Umgekehrt hat die Freiheit der Schweiz, Hollands, 
Englands und Nordamerika^ die Kunst nicht gefördert; kein Land 
ist ärmer an Künstlern geblieben, als diese Länder, nachdem sie ihre 
Freiheit errungen hatten.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.