Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 2
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39656/28/
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Das Geistig-Erhabene. 
schläge; so wie die feinere Variirung des Themas durch künstliche 
Figuren von ihr ausgeschlossen. 
34. Das Gebiet des Erhabenen für die Dichtkunst hat die gleiche 
Ausdehnung und die gleichen Schranken; wie sie für das Schöne der 
Dichtkunst überhaupt bestehen. Die Dichtkunst liebt es deshalb, das 
Erhabene in der Bewegung und in Handlungsbildern zu bieten. Das 
Epos und die Tragödie behandeln beinah nur erhabene Stoffe; auch 
in der Lyrik hat das Erhabene in den Psalmen, Oden und Dithyram¬ 
ben besondere Arten seiner Darstellung erhalten. Die begriffliche Un¬ 
bestimmtheit des dichterischen Materiales unterstützt wesentlich die 
Darstellung des Natur-Erhabenen; des Erhabenen des Fatums und der 
Gottheit. Die festen Gränzen der Gegenstände sind darin von selbst 
aufgehoben. 
35. Deshalb ist auch nur die Dichtkunst im Stande den unend¬ 
lichen Gott in ihr Erhaben-Schönes aufzunehmen. Seine Schilderung 
geschieht in den Psalmen so wie in den indischen und persischen 
Dichtungen hauptsächlich durch Metaphern, indem das Elementare der 
Natur in seiner Erhabenheit zu Bildern des Wesens und der Eigen¬ 
schaften Gottes benutzt wird ; und seine Macht in ihren Wirkungen 
auf das Elementare dargelegt wird. So heisst es in dem 104. Psalm: 
»Du schaust die Erde an, so bebt sie; du rührst die Berge an, so 
»rauchen sie. Alle Wesen warten auf dich. Verbirgst du dein An- 
»gesicht, so erschrecken sie; du nimmst ihren Odem weg, da ver- 
»gehen sie und werden zu Staub.« Auch die griechischen Dichter 
geben durch solche Bilder ihren Göttern die erhabensten Züge. Wenn 
Zeus die Locken schüttelt, erbebt der Olymp ; Athene eilt auf Sturmes¬ 
flügeln zu Odysseus; der verwundete Mars schreit wie zehntausend 
Krieger. 
36. Die Erhabenheit wird durch die Kürze des Ausdrucks ge¬ 
steigert und der Inhalt durch die Knappheit der Form gleichsam er¬ 
höht. »Gott sprach: Es werde Licht und es ward Licht« ist durch 
diese Kürze ein vortreffliches Bild der Erhabenheit. Haydn hat in 
seiner Schöpfung ein ebenso erhabenes musikalisches Bild dazu ge¬ 
schaffen, wie Phidias zu dem Vers des Homer, wo der Olymp er¬ 
bebt, als Zeus seine Locken schüttelt. Winkelmann sagt: »Das 
»Erhabene liegt in der Einfalt und Einfachheit; nicht in den unend- 
»lich gebrochenen und geketteten Tönen, sondern in einfachen, lang 
»anhaltenden Zügen.« Deshalb kann auch das Versmaass zum Aus¬ 
druck des Erhabenen dienen ; die Maasse, welche sich hierfür bei den 
Griechen gebildet hatten, haben noch heute diese Bedeutung. 
37. Unter den Dichtern zeigt sich ein Unterschied; nicht alle
        

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