Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 2
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39656/262/
258 
Die Bedingungen des Genusses des Schönen. 
Hieraus erhellt, wie sehr dieser Genuss von dem vollständigen Wissen 
abhängig ist. 
17. Für alle historischen Gemälde reicht die Kenntniss der un¬ 
mittelbaren Bedeutung der dargestellten Situation nicht aus; es muss 
auch das geschichtliche Ereigniss in seinem ganzen Verlaufe gekannt 
sein, von dem das Bild eine Scene bietet. Man kann in Lessing’s 
»Huss« verstehen, dass ein Priester zum Scheiterhaufen geführt wird, 
dass links das Volk wehklagt und rechts die Hauptleute und Pfaffen 
frohlocken, allein ohne Kenntniss des ganzen Verlaufs der reformato- 
rischen Thätigkeit des Huss und ihres Ausganges kann das Gemälde 
in seiner vollen Bedeutung nicht erkannt und genossen werden. 
18. Auch für die Dramen und Epopöen muss der Leser die 
Kenntniss der allgemeinen Weltlage und der grossen geschichtlichen 
Beziehungen der Völker mitbringen, da der nationale Dichter diese 
Weltlage nicht mit der Ausführlichkeit in sein Bild aufnimmt, wie das 
Verständniss der Handlung später fordert. Am schwierigsten ist für einen 
grossen Theil des Publikums das Verständniss der Bedeutung bei dem 
musikalischen Kunstwerk. Es hängt dies indess mehr mit dem 
unvollkommenen Hören des Musikstückes zusammen. Wo das Gehör 
gut ist, stellt sich die Bedeutung leicht ein, weil die Verknüpfung des 
Tones mit den Gefühlen zu den ursprünglichsten und unveränderlichsten 
gehört, und von Sitten, Gebräuchen und Bildung wenig berührt wird. 
19. Diese Verknüpfungen des Aeussern mit dem Innern müssen 
dem Dritten überdies geläufig sein, wenn der Genuss des Schönen 
voll eintreten soll. Wenn erst in Kommentaren und Noten nachge¬ 
lesen werden muss, welche Person Aristophanes in seinen Komödien 
parodirt; wenn die Kenntniss der griechischen Götterwelt und ihres 
Kultus dem Leser nicht so geläufig ist, dass die Bedeutung der Opter 
und Orakel, das Auftreten der Götter im Olymp und auf der Erde, 
wie Homer es schildert, sofort verstanden wird, so geht dem Leser 
der grössere Theil des Genusses verloren. Deshalb ist der Genuss 
von Dichtungen in der Muttersprache und von Kunstwerken, deren 
Stoff der modernen Zeit angehört, bei gleicher Schönheit grösser, als 
der Genuss von Kunstwerken vergangener Zeiten, fremder Sprachen 
und Völker. 
20. Zur Kenntniss der Bedeutung des Schönen gehört auch die 
Kenntniss der Gefühle, welche es darstellt. Der erwachsene 
und gebildete Mensch bemerkt diese Bedingung weniger, weil er mit 
den meisten Gefühlen allmählig durch die Ereignisse seines Lebens 
bekannt geworden ist und er deshalb meint, diese Kenntniss sei eine 
ursprüngliche. Allein junge Personen sind dadurch oft an dem Ver-
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.