Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 2
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39656/261/
Die Bedingungen des Genusses des Schönen. 
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14. Dennoch ist es klar, dass der Genuss einer Musik oder Dich¬ 
tung um so grösser und das Urtheil über dieselbe um so sicherer 
ausfallen muss, je mehr man im Stande'ist, den reichen Inhalt der¬ 
selben nicht blos zeitlich an sich vorübergehen zu lassen, wie Schatten¬ 
bilder an einer Wand, sondern auch das Einzelne sich gegenwärtig 
zu erhalten, im Vorstellen in ein Bild zusammenzufassen und so, wie 
bei einem Gemälde, mit einem Blick zu überschauen. Nur dadurch 
ist dem Hörer und Leser die Erkenntniss der Mannigfaltigkeit und 
Einheit eines Kunstwerkes möglich. Die Einheit beruht auf diesem 
gleichzeitigen Wissen der Unterschiede und ihrer einenden For¬ 
men, und es ist dabei gleichgültig, ob diese Unterschiede zeitlich oder 
räumlich an einander stossen. 
15. Das Wahrnehmen und Begreifen eines Kunstwerkes muss 
sich drittens mit dem Wissen seiner Bedeutung verbinden, wenn 
sein Genuss eintreten soll. Dieser Punkt ist in Bezug auf die bild¬ 
lichen Elemente des Schönen bereits früher (I. 243) dargelegt worden. 
Die Bedeutung des Schönen ruht auf der regelmässigen Verbindung, 
welche im Realen zwischen den Gefühlen und den äusseren Elementen 
desselben besteht. Man muss wissen, dass mit dem Lachen ein hei¬ 
tres, mit dem Weinen ein schmerzliches Gefühl verbunden ist-, dass 
Blässe mit Angst und das Sträuben der Haare mit Schrecken ursäch¬ 
lich verknüpft ist. Der Beschauer des Laokoon muss wissen, dass 
der eingezogene Unterleib heftigen Körperschmerz, die zusammen¬ 
gezogene Stirnhaut die innere Bewältigung dieses Schmerzes bedeutet; 
er muss wissen, dass die grossen Augen der Sixtinischen Madonna 
die göttlich-erhobene Stimmung, die offenen Augen der Engel darunter 
den naiven Frohsinn bedeuten. Ohnedies sieht der Beschauer nur 
Umrisse, Farben, die nicht mehr Werth für ihn haben, als die Felder 
eines Schachbrettes. 
% 
16. Für ein bestimmtes Land und eine bestimmte Zeit sind diese 
Verknüpfungen im Volke bekannt; allein viele wechseln nach den 
Ländern und Zeiten, so dass die Unkenntniss derselben das Verständ¬ 
nis des fremden oder alten Schönen hindert. Man fragt dann nach 
der Bedeutung. Die antiken Bau- und plastischen Werke sind ohne 
eine solche Belehrung zum grossen Theil unverständlich; auch in den 
Dichtungen der Alten bleiben ohnedies viele Schönheiten unbemerkt. 
Es ist ein Vorzug des Homer, dass seine Dichtungen beinahe ohne 
alle Belehrung verständlich sind. Das Gegontheil gilt für Dante. Der 
Besuch der Museen in Begleitung eines Künstlers ist bekanntlich ge¬ 
nussreicher , als ohne dieselbe ; der Begleiter kann aber . nicht den 
Genuss selbst erhöhen, sondern nur die Erkenntniss des -Schönen. 
v. Kirclnnann, Philos, d. Schönen. II, 
17
        

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