Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 2
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39656/210/
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Die äussere Einheit im Schönen. 
keit, was indess seiner Wirksamkeit auf den Beschauer keinen Ein¬ 
trag thut. 
4. Das einende Element in diesen Formen ist lediglich die be¬ 
griffliche Gleichheit, welche in der Formel oder dem Gesetz der Reihe 
enthalten ist. Sobald dies aufgehoben wird, verschwinden diese For¬ 
men und ihre einende Kraft. Diese Kraft ist um so stärker, je mehr 
Unterschiede dabei eintreten, die durch sich selbst, d. h. durch Zu¬ 
rückführung auf eine höhere Gleichheit überwunden werden. Deshalb 
ist die Einheit des Regelmässigen die schwächste; stärker eint die 
Symmetrie ; noch mehr die Proportion und am meisten die in sich 
rückkehrende Proportion. Da die Baukunst kein Organisches zu 
ihrem Realen hat, so ist sie vorzüglich im Stande, von diesen einen¬ 
den Formen Gebrauch zu machen; sie ersetzen bei ihr die einenden 
Elemente der andern Künste, welche ihr versagt sind. Neuerlich hat 
man diese Regelmässigkeit und Symmetrie in den Bauten, welche nur 
der Lust dienen, vermieden; viele Schlösser und Landhäuser werden 
absichtlich unregelmässig in Thürmen, Fenstern und Flügeln gebaut. 
Es bleibt solchen Bauwerken dann nur die Einung durch das Gefühl. 
Je mehr sie von dem Regelmässigen und Symmetrischen sich befreit 
zeigen, desto ungehemmter macht sich der Zweck der Behaglichkeit 
und Bequemlichkeit geltend. Indem dieser Gefühlsinhalt hervortritt, giebt 
er ihnen eine innere wohlthuende Einheit. Aehnlich wirkt die Unregel¬ 
mässigkeit der alten Ritterburgen; alles in ihnen ist von dem einen 
Gefühlsinhalt der Vertheidigung und Sicherheit bestimmt und erfüllt. 
5. In der Landschaft schliesst die Lebendigkeit des Organischen 
diese regelmässigen Proportionen aus; nur die Symmetrie tritt hier 
auf, aber sie gestaltet sich hier freier. Entweder senkt sich in den 
landschaftlichen Gemälden die Formation von der Mitte nach beiden 
Seiten, oder die Mitte ist das leere, niedrige und das Bedeutende 
hebt sich nach beiden Seiten. Die Gegensätze sind bald Felsen gegen 
Baumgruppen, bald Wasser gegen Land, bald Einsamkeit gegen 
menschliche Wohnung. In der Biegsamkeit des Seelenvollen der 
Naturgegenstände hat der Maler und Gärtner hier einen grossen 
Spielraum. 
6. Am menschlichen Körper besteht nicht blos die symmetrische 
Einheit der beiden Seiten, sondern auch die der rückkehrenden Pro¬ 
portion in mehrfacher Weise. In den Bewegungen des Menschen 
erhalten diese Proportionen leise Verschiebungen, bei welchen sie aber 
erkennbar bleiben und sich mit dem Seelenvollen der Bewegung ver¬ 
binden. Die griechischen Bildhauer haben diesen Schatz von Natur¬ 
schönheit in Stellungen und Bewegungen in hohem Muasse zu den
        

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