Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 2
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39656/203/
Die innere Einheit im Schönen. 
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Kollisionen innerhalb des Sittlichen als den allein wahren und zu¬ 
lässigen Inhalt der grossem Handlungsbilder zu behaupten. Allein 
da sie an sich ganz unlösbar sind, so würde ihre Versinnlichung in 
einem Kunstwerke wenig Werth haben ; ihre Bedeutung für das Schöne 
kommt vielmehr nur aus den Gefühlen, welche ihnen unterliegen. Das 
Kunstwerk ist kein Lehrbuch der Moral und kein Erziehungsmittel. 
12. Diese Einheit des Zieles ist es vor Allem, welche dem 
Handlungsbilde die Einheit giebt. Alle Yerstösse dagegen können 
durch die andern Einheiten nicht gut gemacht werden und lassen so¬ 
fort das Lose des Werkes empfinden. Dahin gehört der Fall, wenn 
zwei, einander ähnliche Ziele von verschiedenen Personen neben ein¬ 
ander verfolgt werden. Deshalb leidet im Lear die Einheit durch die 
gleichlaufende Situation des Gloster. Man kann sie durch dialektische 
Wendungen zu rechtfertigen, ja als ein höheres Schöne darzulegen 
versuchen, wie Yischer thut; allein seine Gründe zeigen nur, dass 
dergleichen wohl die Mannigfaltigkeit steigert, aber nicht die gleich 
nothwendige Einheit. Aus demselben Grunde ist die Einheit in jenen 
Lustspielen Shakespeare’s erschüttert, wo er mehrere Liebespaare 
neben einander einführt, die an Bedeutung und Interesse sich gleich 
stehen und deren Ziele nur neben einander herlaufen. Am losesten 
ist deshalb die Einheit im »Sommernachtstraum«. Dieser Mangel wird 
wenig dadurch gebessert, dass beide Handlungen in eine oberflächliche, 
ursächliche Verbindung gebracht werden; die doppelten Ziele lassen 
trotzdem die volle Einheit nicht zu Stande kommen. 
13. Aus gleichem Grunde leidet, wenn auch in geringerem Grade, 
die Einheit des Kunstwerkes durch die Episoden, so weit sie in 
Handlungsbilder, wenn auch kleineren Umfanges, ausarten. Ihre Ziele 
stehen dann mit den Zielen der Haupthandlung in keinem Zusammen¬ 
hänge und drängen sich für eine kurze Zeit zwischen die Ziele dieser 
ein. Die Episoden dienen der Mannichfaltigkeit und wenn sie sich 
im richtigen Maasse halten, wenn sie mehr Stimmungsbilder bleiben 
und nur an gewissen Ruhepunkten der Haupthandlung auftreten, so 
entschädigen sie für die Störung der Einheit dadurch, dass sie die 
starre Regelmässigkeit und den gradlinigen Fortschritt mindern, wie 
er z. B. in der Orestie des Aeschylos durch den Mangel von Epi¬ 
soden besteht. 
14. Es ist bereits früher (II. 143) bemerkt worden, dass in 
vielen Tragödien das Ziel des Helden gleich im Beginn erreicht wird 
und der Inhalt des Stückes sich wesentlich in den späteren Folgen 
des erreichten Zieles bewegt. So im Othello, im Lear, im Macbeth, 
im Faust I. Theil; auch im Oedipus in Kolonos, den Sophokles mehr
        

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