Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 2
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39656/199/
Die innere Einheit im Schönen. 
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diese Bestimmung nichts Neues bieten kann, sondern streng an die 
Einheits-Formen im Realen gebunden ist. Selbst den ausgelassensten 
Sprüngen der Phantasie und den tiefsten Forschungen des Denkens 
ist es unmöglich, noch andere Einheits-Formen neben denen der realen 
Welt zu ersinnen und selbst wenn der Künstler es vermöchte, hätte 
er kein Material, sie darzustellen und keine Worte, sie auszusprechen. 
Die Kunst ist deshalb in Bezug auf die Einheits-Formen in ihren 
Werken eben so streng an die reale Welt verwiesen, wie bei der 
Frage, welche sinnliche Elemente die Zeichen der Gefühle sein kön¬ 
nen. Jede eigene Erfindung hier, wie dort, wäre unverständlich, wenn 
sie nicht schon unmöglich wäre. 
2. Die Wahrheit dieses Satzes ergiebt sich aus der Betrachtung 
des vorhandenen Schönen und aus der Art, wie die Kunstwerke ent¬ 
stehen. Indem das Schöne nur ein Bild des Realen ist, folgt von 
selbst, dass auch die Einheit seines Bildes nur die Einheit seines 
realen Gegenstandes wiederspiegeln kann und dass die Bestimmungen, 
welche den realen Gegenstand zu einem machen, in dem Schönen 
und in dem Kunstwerk bildlich wiederkehren müssen. Bei dem reichen 
Stoff der Kunstwerke nehmen jedoch die einenden Bestimmungen 
eine, über das Elementare hinausgehende Gestaltung an und es ist 
deshalb nöthig, sie in diesen reicher gestalteten Formen zu untersuchen, 
welche zugleich die bekanntem und verständlichem sind. Indem die 
Idealisirung im Schönen hinzutritt, nehmen die Einheiten im 
Kunstwerk zugleich einen hohem Grad von Stärke und Innigkeit an, 
als in der realen Welt. Komposition und Idealisirung werden bei 
dieser Frage gemeinsam zu berücksichtigen sein. Die einenden Be¬ 
stimmungen in den Kunstwerken lassen sich in innere und äussere 
sondern; jene gehen aus dem Inhalte und Stoffe der Kunstwerke her¬ 
vor; diese treten ihnen von Aussen als elementare, einende Bestim¬ 
mungen hinzu. 
3. Indem zunächst die innern Einheitsformen betrachtet wer¬ 
den, wird die Untersuchung am natürlichsten den frühem Einteilungen 
der Kunstwerke folgen können, zumal das Handlungsbild gerade in 
diesen Einheits-Formen sich von dem Stimmungsbilde wesentlich unter¬ 
scheidet. Im Handlungsbilde lassen sich vier Einheiten aufzeigen, 
aus denen die innere Einheit des Ganzen hervorgeht; 1) die Einheit 
der Personen, 2) die Einheit der Charaktere, 3) die Einheit 
des Zieles und 4) die Einheit der Weltlage. 
4. Im Realen ist die Einheit der Handlung nicht von der Ein¬ 
heit der Personen bedingt. Der dreissigjährige Krieg gilt als ein 
Ganzes, obgleich die Helden seiner ersten Hälfte, Tilly, Wallenstein,
        

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