Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 2
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39656/183/
Die Eintheilung der Kunstwerke. 
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Handlung braucht eine Weltlage, auf der sie sich erheben kann und 
in keiner Form kann das Bild dieser Weltlage ganz bei Seite ge¬ 
lassen werden. Auch das Drama hat seine kleinern Arten im Schau¬ 
spiel und Lustspiel, die bis zu einem Akt, ja bis zu einer Scene 
und einer Person sich verkleinern können. 
15. Die lyrische Dichtung hat das Stimmungsbild zu ihrem 
Inhalt. Es kann erhaben, einfach schön oder komisch sein; denn 
wenn auch zu dem Komischen ein Handeln nöthig ist, so braucht es 
doch nicht von der Art des Handlungsbildes zu sein. Die Hymnen, 
Dithyramben, Oden, Psalmen behandeln einen erhabenen Stoff; den 
Ruhm und die Grösse der Gottheit, des Vaterlandes, der Fürsten oder 
Helden. Das Sonett, das Lied, die Elegie behandeln das einfach- 
SchÖne, die Lust wie den Schmerz, das Sittliche wie das Unsittliche ; 
vor allem die Liebe. Die Elegie nimmt einen feierlichen, dem Er¬ 
habenen sich nähernden Ausdruck an. Für das lyrisch-komische Ge¬ 
dicht hat sich kein besonderer Name gebildet. 
16. Da die Lust und der Schmerz durch die Klugheit, und da das 
sittliche Gefühl durch die Moral geregelt und geleitet wird, so treten 
bei den Stimmungsbildern der Lyrik sehr leicht die Regeln der Klug¬ 
heit oder der Sittlichkeit in ihrer Allgemeinheit hervor und der Dichter 
nimmt wohl Veranlassung, mit einem solchen allgemeinen Gedanken 
sein Stimmungsbild einzuleiten oder zu schliessen. Dies giebt solchen 
Gedichten den Schein, als wenn ein allgemeiner Gedanke ihren wesent¬ 
lichen Inhalt bildete und als wenn dieser den Anstoss zum Gedicht 
gegeben hätte, und es nur den Zweck hätte, eine solche Regel der 
Moral, der Politik, der Lebensklugheit, der Weisheit zu erläutern und 
einzuschärfen. 
17. Man hat, dadurch verleitet, eine besondere Gattung, eine 
Lyrik der Betrachtung erfunden (Vischer III. 1367) und dazu die 
Elegie, das Sonett und Epigramm gerechnet. Es könnten auch die 
Episteln, die Parabeln, die Fabeln, die Räthsel und manches Andere 
hierher gebracht werden. Allein die Kunst verliert sich hier in das 
verzierende Schöne. Die meisten dieser Dichtungen sind kein freies, 
selbstständiges Schöne mehr, sondern dienen nur den realen Zielen 
der Moral und der Belehrung; das Schöne an ihnen ist nur elemen¬ 
tar, es bleibt diesen realen Zwecken untergeordnet und wird in seiner 
Entfaltung davon beschränkt. Insbesondere wäre es ein Mangel, wenn 
der allgemeine Gedanke das erste bei dem Dichter wäre und er erst 
an zweiter Stelle nach einem schönen Bilde suchte, um jenen daran 
zu erläutern und zu versinnlichen. 
18. Dies gilt selbst für die Fabeln. Lessing verstösst da- 
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