Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 2
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39656/176/
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Die Gegensätze im Kunstwerk. 
er durch Idealisirung beseitigt werden, wie ja mit vielem andern 
Realen geschieht. Statt dessen wird das Komische bei Shakespeare 
und im Faust durch die Idealisirung vielmehr verstärkt ; ein Zeichen, 
dass es dem Kunstwerk, als solchem, wesentlich ist. 
33. Die Einfügung des Komischen in das Erhabene hat an 
diesen Regeln zugleich seine Gränze ; das Komische darf nicht zu stark 
hervortreten, weil sonst das Erhabene geschwächt wird; das Komische 
soll nur einen Ruhepunkt bieten. Diese Regel ist in beiden Theilen 
von Heinrich IV. verletzt; die Posse mit Fallstaff und Genossen über¬ 
wiegt und die ernsten Scenen beider Stücke werden langweilig, weil man 
durch jene die Stimmung für diese verloren hat. Deshalb ist es auch 
schwer, für die erhabenen Chöre in den Komödien des Aristophanes 
sich nach den Possen sofort in die rechte Stimmung zurück zu ver¬ 
setzen. Sie sind an sich ein Fehler und erklären sich nur daraus, 
dass diese Komödien wesentlich Satyren und Parodien sind ; erst durch 
ihre Beziehung auf die realen Zustände Athens erhalten sie ihre volle 
Wirksamkeit und ihren Werth; für sich betrachtet entbehren sie der 
Selbstständigkeit und Freiheit des Kunstwerkes. Aber durch diese stete 
Beziehung auf das Reale erklärt es sich, wie Aristophanes, nachdem er 
es parodirt hat, sich auch wieder gedrungen fühlt, das Erhabene, was 
diesem Realen zu Grunde liegt, durch den Chor zu verherrlichen. 
34. Die Verbindung des Komischen mit dem Schönen 
durch Neben- oder Nacheinander-Stellung ist ohne diese innern Schwie¬ 
rigkeiten, weil beide der idealen Lust des Beschauers dienen und des¬ 
halb die besondere Wirkung des einen die des andern unterstützt. 
Deshalb besteht keine Schranke für ihr gegenseitiges Verhältniss. Das 
Schauspiel wird durch die blosse Vermehrung des Komischen zum Lust¬ 
spiel; es giebt für beide kein sachliches Unterscheidungszeichen. Wo 
das Komische geringer auftritt, bleibt das Drama ein Schauspiel. So 
der »Kaufmann von Venedig«; das einfach Schöne ist sein Haupt¬ 
inhalt; nur Lanzelot ist als komische Person eingeschoben; ähnlich 
ist das Verhältniss in »Donna Diana«. In Freytag’s »Verlorener 
Handschrift« sind dem einfach - schönen Hauptthema die komischen 
Personen der beiden Nachbarn nur nebensächlich beigegeben. 
35. Es bleibt noch die Verbindung derjenigen Arten des 
Schpnen zu betrachten, welche durch die Idealisirung entstehen. 
Am meisten verwandt sind, wie bereits früher bemerkt worden, 
auf der einen Seite: das Idealschöne mit dem Form- und Klassisch- 
Schönen; auf der andern: das Naturalistische mit dem Geistig- und 
Symbolisch - Schönen. Das Ideale bedarf bei der grossem Fassung 
und Harmonie der Seelenzustände zu seiner Darstellung einer vollen-
        

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