Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 2
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39656/167/
Die Gegensätze im Kunstwerk. 
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werden, theils dadurch, dass die unterschiedenen Arten des Schönen, 
wie sie in der vergehenden Abtheilung entwickelt worden sind, mit 
einander zu einem Ganzen vereint werden. Dahin gehört namentlich 
die Verbindung des Erhabenen mit dem einfach Schönen oder mit 
dem Komischen und Witzigen, die Verbindung des Hässlichen und 
Gemeinen mit dem Schönen und Erhabenen, die Verbindung des Ideal¬ 
schönen mit dem Naturalistischen, des Formschönen mit dem Geistig¬ 
schönen, des Symbolischen mit dem Klassischen u. s. w. Diese Gegen¬ 
sätze dienen sämmtlich zur Steigerung der Mannichfaltigkeit des 
Kunstwerkes und sind deshalb hier zu betrachten. 
2. Die Verbindung eines Handlungsbildes mit Stimmungsbildern 
hat an sich ihre Schwierigkeit in der grossem Stärke der Gefühle 
und Leidenschaften des ersten und in der Spannung, in welche die 
Kämpfe desselben den Leser und Zuschauer versetzen. Die Handlung 
selbst treibt hier vorwärts und ebensowenig mag der Leser durch 
Stimmungsbilder in dem Verfolg der Entwicklung gehemmt werden- 
Deshalb kommt es vor, dass dergleichen an der falschen Stelle ange^ 
brachten Stimmungsbilder und ausführlichen Schilderungen des Neben¬ 
sächlichen von dem Leser des Romans überschlagen und von dem 
Beschauer des Gemäldes nicht gewürdigt werden. 
3. Die Verbindung beider Bilder wird also nur da zulässig sein, 
wo die Handlung in ihrem Fortgange zu gewissen Höhe- oder Ruhe¬ 
punkten vorgeschritten ist, bei denen schon im realen Leben ein Halt 
gemacht wird und eine Sammlung Statt findet, oder wo das Unter¬ 
nehmen so grossartig und weitaussehend ist, dass ein langsameres Vor¬ 
schreiten desselben damit von selbst geboten wird und dem Stimmungs¬ 
bilde dadurch Raum gewährt ist. Letzteres ist der Fall im Epos und 
im Roman; nationale grosse Unternehmen erfordern Jahre zu ihrer 
Ausführung und die weiten Ziele eines Romans gestatten kein unauf¬ 
hörliches Jagen und Drängen nach dem Endpunkte. 
4. Deshalb zeigt sich diese Verbindung von Stimmungsbildern 
am häufigsten bei dem grossen Handlungsbilde im Epos und Roman. 
Es ist diese Verbindung keineswegs, wie von Hegel gesagt wird, das 
Ursprüngliche und Erste, das, was das Wesen der epischen Dichtung 
ausmacht, sondern nur die Folge der Grösse der Handlung oder der 
Ferne ihres Zieles, welche das Epos vorführt. Nur deshalb kann der 
epische Dichter sich in dieser Breite ergehen, d. h. die Handlung 
durch grosse oder kleine Stimmungsbilder unterbrechen, und nur des¬ 
halb kann es der dramatische Dichter nicht, bei dem die Handlung 
energischer dem Ziele zutreibt. * Selbst innerhalb der epischen Dich¬ 
tung ist die Häufigkeit der Stimmungsbilder von der Heftigkeit und 
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