Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 2
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39656/162/
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Das Stimmungsbild im Kunstwerk. 
gleich verständlich, ob sie den Gefühlszuständen eines Franzosen oder 
eines Russen Ausdruck giebt. 
17. Man könnte geneigt sein, auch die besonderen Stylarten der 
Künste hierher zu ziehen, da an diesen Stylen allerdings der Kenner 
mit grosser Bestimmtheit die Zeit und das Land, in dem das Kunst¬ 
werk entstanden ist, erkennen kann. Allein dieses Mittel ist keine 
bildliche Darstellung der Weltlage, sondern führt nur durch Schlüsse 
und besondere Kunstkenntniss auf dieselbe; es gehört deshalb nicht 
hierher, wo es sich um die Bildlichkeit handelt; es bleibt auf den 
Kreis der Kenner beschränkt, während das Kunstwerk diese Bestand¬ 
teile allgemein verständlich zu bieten hat. 
18. Der zweite Bestandteil des Stimmungsbildes umfasst die 
Situation. Es ist damit jenes bestimmtere und einzelne seelenvolle 
Reale gemeint, was sich aus der Weltlage als ein Besonderes erhebt 
und das in dem Bilde herrschende Gefühl in sich verkörpert, ohne 
aber zu einem Handeln in dem früher dargelegten Sinne vorzuschrei¬ 
ten. Es bilden die Situation also jene mannichfachen Scenen des 
häuslichen, erwerbenden und geniessenden Lebens; die Scenen der 
Liebe, oder der Hoffnung, oder der Andacht, oder der Furcht, oder 
der Neugierde, überhaupt aller Besonderungen der früher dargelegten 
Gefühle der Lust und des Schmerzes so wie der Achtung und Ehr¬ 
furcht. Neben dem Menschen kann auch ein Gegenstand der Natur, 
ein Werkzeug des Menschen oder ein Stück aus der überirdischen 
Welt zur Situation benutzt werden. Nicht bloss die Landschaft, son¬ 
dern auch Einzelnes, wie Blumen, Früchte, Waffen, Geräthe sind ver¬ 
möge des in ihnen mittelbar enthaltenen Seelenvollen geeignet, für 
sich den Gegenstand der Situation zu bilden. 
19. So liegt in Göthe’s »Heidenröslein« die Situation in dem 
Brechen der Rose durch den Knaben und in dem vergeblichen Schmer¬ 
zensschrei des Rösleins. In Schiller’s »Erwartung« liegt die Situation 
in dem Freund, der in der Dämmerung im Garten sitzt und jeden 
Schein, jedes Geräusch auf das Kommen der Geliebten doutet. In 
Anakreon’s »Nächtlicher Besuch« liegt die Situation in dem Herein¬ 
lassen des durchnässten Amor in’s Gemach, wo der Inwohner dann 
von dem Pfeil desselben getroffen wird. In David’s »neuntem Psalm« 
liegt die Situation in dem über die Feinde gewonnenen Siege, an den 
sich der Preis Gottes anknüpft. Aehnlich bei Pindar. 
20. Die Malerei hat vorzugsweise reiche Mittel für die Situa¬ 
tion; deshalb herrscht in ihr das Stimmungsbild so überwiegend vor. 
Nicht bloss die heilige Malerei, sondern auch das Genre und die 
landschaftliche Malerei behandeln nur Stimmungsbilder und bieten die
        

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